Vorwort: So funktioniert die Reise
Diese Reise führt in 18 Etappen von der Gregorianik bis zur Gegenwart, gedacht für jemanden, der die großen Werke schon kennt. Sie will nicht vorstellen, sondern Verbindungen zeigen: Warum klingt etwas so, was hat es gelöst, was hat es kaputt gemacht?
Jede Etappe hat vier Teile. Ein kurzer Essay setzt die These. Ein Hörprogramm nennt Werke mit konkreter Aufnahme und einem Hinweis, worauf man hören soll. Lesen nennt ein bis drei Bücher oder Texte. Eine Brücke verbindet die Etappe mit einer anderen, oft einer späteren.
Tempo. Rechne mit ein bis zwei Wochen pro Etappe, also etwa ein halbes Jahr. Etappen 5, 7, 9 und 16 vertragen doppelt so viel Zeit.
Hörweise. Höre jedes Hauptwerk zweimal: einmal ohne Vorwissen, einmal nach dem Lesen. Führe ein kurzes Hörtagebuch mit einem Satz pro Werk. Nach drei Monaten ist dieses Tagebuch der interessanteste Teil der Reise.
Spotify. Jeder Spotify-Link öffnet eine Suche nach genau der genannten Aufnahme (Werk + Interpret). Bei mehreren Treffern auf Label und Jahr aus der Tabelle achten; historische Mitschnitte gibt es oft in mehreren Remasterings. Die Spalte Kontext ergänzt Entstehung, Anlass und warum gerade diese Aufnahme.
Drei Leitfragen für die ganze Reise:
- Zeit. Wie organisiert die Musik Zeit: als Kreislauf, als Drama mit Ziel, als Zustand ohne Richtung?
- Autorität. Wer bestimmt, was klingt: Kirche, Hof, Bürgertum, Komponist, Interpret, Staat, Markt?
- Material. Was gilt als Ton, als Konsonanz, als Musik überhaupt, und wer verschiebt die Grenze?
Der Rahmen. Als Rückgrat für alle Etappen dient Richard Taruskins Oxford History of Western Music (6 Bände, auch als College Edition in einem Band). Taruskin ist streitbar, manchmal einseitig, aber nie langweilig. Wer eine deutsche Gegenstimme will, liest parallel Carl Dahlhaus.
Etappe 1 - Mittelalter: Die Erfindung der Mehrstimmigkeit
Die wichtigste Erfindung dieser Epoche ist nicht ein Stil, sondern die Notenschrift: Sie macht Musik vom Gedächtnis unabhängig und damit komponierbar. Alles Spätere (Kontrapunkt, Form, der Begriff „Werk“) hängt daran.
Die Gregorianik ist einstimmig, rhythmisch frei und textgebunden. In Notre-Dame um 1200 legen Léonin und Pérotin darüber gedehnte Stimmen und rhythmische Modi. Pérotins Viderunt omnes dehnt eine Choralsilbe auf Minuten: der erste Minimalismus der Musikgeschichte.
Im 14. Jahrhundert bringt die Ars nova (Philippe de Vitry, Guillaume de Machaut) Isorhythmik und die erste zyklische Messe eines einzelnen Autors. Die Ars subtilior um 1390 treibt die rhythmische Komplexität so weit, dass sie erst mit Ferneyhough wieder erreicht wird.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Gregorianik: Proprium einer Ostermesse | Ensemble Organum (Marcel Pérès) Spotify; Choralschola der Wiener Hofburgkapelle Spotify | Pérès singt mit ornamentierter, „östlicher“ Stimmgebung; vergleiche mit der glatten Solesmes-Tradition | Der „glatte“ Choral ist eine Rekonstruktion der Mönche von Solesmes im 19. Jh.; Pérès stützt sich auf ältere mediterrane Gesangstraditionen. Beides ist Interpretation, keine Tonaufnahme des Mittelalters |
| Hildegard von Bingen: Ordo virtutum (um 1151) | Sequentia Spotify | Weite Ambitus-Sprünge, die im Choral unüblich sind | Ältestes erhaltenes geistliches Singspiel. Nur der Teufel singt nicht, er darf nur schreien und sprechen: Musik als Zeichen der Erlösung |
| Pérotin: Viderunt omnes, Sederunt principes | Hilliard Ensemble, Perotin (ECM, 1989) Spotify | Der lange Halteton unten, die tanzenden Modi oben; höre es als Zustand, nicht als Verlauf | Vierstimmige Organa (quadrupla) für Weihnachten und den Stephanstag, per Erlass des Pariser Bischofs 1198/99 vorgesehen. Die Hilliard-Aufnahme machte Pérotin für ein Publikum jenseits der Musikwissenschaft hörbar |
| Machaut: Messe de Nostre Dame (um 1360) | Ensemble Gilles Binchois Spotify; Hilliard Ensemble Spotify | Die Hoquetus-Passagen im Amen; Isorhythmie in Tenor und Contratenor | Erste vollständige Messvertonung eines namentlich bekannten Komponisten. Vermutlich für die Kathedrale von Reims, wo Machaut Kanoniker war |
| Machaut: Balladen und Virelais | Gothic Voices (Christopher Page), The Mirror of Narcissus (Hyperion) Spotify | Weltliche Kunstlieder als Vorläufer des Liedes | Machaut war ebenso Dichter wie Komponist und ließ sein Gesamtwerk in Prachthandschriften sammeln: ein frühes Autorbewusstsein |
| Ars subtilior: Solage, Senleches, Cordier | Mala Punica (Pedro Memelsdorff), Ars subtilior Spotify | Gleichzeitige, widersprüchliche Metren; Belle, bonne, sage ist als Herz notiert | Überliefert vor allem im Codex Chantilly; Umfeld der Höfe in Avignon und Südfrankreich um 1380–1410. Komplexität als Distinktionsmerkmal einer Elite |
Lesen
- Taruskin, Oxford History, Bd. 1, Kap. 1–9. Besonders stark zur Frage, warum Schrift die Musik verändert.
- Anna Maria Busse Berger, Medieval Music and the Art of Memory. These: Auch nach der Notation wurde im Kopf komponiert.
- Umberto Eco, Der Name der Rose, als atmosphärischer Begleiter zur Klosterwelt, ohne Anspruch.
Brücke
Höre Pérotin direkt neben Steve Reichs Music for 18 Musicians (Etappe 17). Reich hat Pérotin ausdrücklich als Vorbild genannt. Frag dich, ob beide wirklich dasselbe tun: Zustand statt Entwicklung.
Etappe 2 - Renaissance: Die Polyphonie als Architektur
In 150 Jahren wird aus geschichteten Einzelstimmen ein gleichberechtigtes Gewebe, und die Terz wird zur Konsonanz. Das ist der Ursprung des Klangs, den wir als „harmonisch“ hören.
Der englische Einfluss (Dunstable, die contenance angloise) bringt Terzen und Sexten auf den Kontinent. Dufay und Ockeghem bauen daraus die Zyklusmesse über einem Cantus firmus, oft einem Chanson wie L’homme armé. Ockeghem schreibt Musik ohne Kadenzen, die nie ankommt; sein Requiem und die Missa prolationum sind Denksport und Mystik zugleich.
Josquin des Prez macht den Text hörbar: Imitation durch alle Stimmen, Rhetorik, Ausdruck. Palestrina wird nach dem Konzil von Trient zum Lehrbuchstandard, Byrd schreibt katholische Messen im protestantischen England, Gesualdo sprengt am Ende die Harmonik mit Chromatik, die erst im 19. Jahrhundert wiederkehrt.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Dufay: Nuper rosarum flores (1436) | Huelgas Ensemble (Paul Van Nevel) Spotify | Zwei Tenorstimmen im Kanon als tragendes Gerüst | Zur Weihe des Florentiner Doms am 25. März 1436. Die Proportionen des Tenors (6:4:2:3) wurden mit Brunelleschis Kuppel und mit dem Salomonischen Tempel verglichen; die Deutung ist bis heute umstritten |
| Ockeghem: Requiem; Missa prolationum | Hilliard Ensemble (Requiem) Spotify; The Clerks’ Group (prolationum) Spotify | Mensurkanons: gleiche Melodie, verschiedene Tempi gleichzeitig | Ockeghem diente über 40 Jahre den französischen Königen. Sein Requiem ist das älteste erhaltene mehrstimmige; Dufays früheres ist verloren |
| Josquin: Missa Pange lingua, Missa L’homme armé super voces musicales | The Tallis Scholars (Gimell) Spotify | Wie der Choral in alle Stimmen wandert, statt im Tenor zu bleiben | Super voces musicales setzt das L’homme-armé-Lied in jedem Satz eine Stufe höher an. Die Tallis Scholars haben zwischen 1986 und 2020 alle Josquin-Messen eingespielt |
| Josquin: Nymphes des bois (1497) | Orlando Consort Spotify | Trauer als Stilzitat: Josquin schreibt im Stil seines Lehrers | Klage auf Ockeghems Tod, Text von Jean Molinet. Der Tenor singt das Requiem aeternam; in den Quellen ist das Stück in schwarzer Trauernotation überliefert |
| Palestrina: Missa Papae Marcelli (1562/67) | The Tallis Scholars Spotify | Textverständlichkeit als Programm | Legende: Die Messe habe die Polyphonie vor einem Verbot durch das Konzil von Trient gerettet. Historisch nicht belegt, aber Stoff für Pfitzners Oper Palestrina (1917) |
| Tallis: Spem in alium (um 1570) | The Tallis Scholars Spotify; The Sixteen Spotify | 40 Stimmen in acht fünfstimmigen Chören, die den Klang durch den Raum wandern lassen | Wahrscheinlich eine englische Antwort auf Striggios 40-stimmige Motette. Ideal über Kopfhörer, noch besser live |
| Byrd: Mass for Four Voices (um 1592); Victoria: Officium defunctorum (1605) | The Tallis Scholars Spotify; The Sixteen Spotify | Byrds Heimlichkeit gegen Victorias spanische Glut | Byrd war Katholik im Dienst der protestantischen Elisabeth I.; die Messe wurde ohne Titelblatt gedruckt, für private Gottesdienste. Victoria schrieb sein Requiem für die Kaiserinwitwe Maria |
| Gesualdo: Madrigale Buch VI (1611), Moro, lasso | Delitiæ Musicæ (Marco Longhini) Spotify; La Venexiana Spotify | Chromatische Rückungen ohne funktionale Logik | Gesualdo, Fürst von Venosa, tötete 1590 seine Frau und ihren Liebhaber. Buch VI ließ er in seiner eigenen Druckerei drucken: niemand musste ihn bezahlen oder verstehen |
Lesen
- David Fallows, Josquin (Brepols, 2009). Die maßgebliche Studie, auch zur Frage, was von „Josquin“ echt ist.
- Taruskin, Oxford History, Bd. 1, Kap. 10–17.
- Aldous Huxley, Tomorrow and Tomorrow and Tomorrow, Essay „Gesualdo: Variations on a Musical Theme“, literarisch, aber treffend.
Brücke
Höre Ockeghems Missa prolationum und dann Nancarrows Studies for Player Piano oder Ligetis Klavieretüden (Etappe 16). Beide Welten bauen Musik aus gleichzeitigen, verschieden schnellen Zeitschichten.
Etappe 3 - Seconda prattica: Die Sprache übernimmt
Um 1600 kippt das Verhältnis von Wort und Ton: Die Musik soll nun dem Affekt des Textes dienen, notfalls gegen die Regeln des Kontrapunkts. Aus diesem Bruch entstehen Oper, Generalbass und die Idee des Solisten.
Der Theoretiker Artusi greift Monteverdis Madrigale wegen unvorbereiteter Dissonanzen an. Monteverdi antwortet mit dem Begriff seconda prattica: Die Rede ist Herrin der Harmonie. Gleichzeitig erfindet die Florentiner Camerata die Monodie: eine Stimme über Bass, frei deklamiert.
L’Orfeo (1607) ist nicht die erste Oper, aber die erste, die bis heute trägt. In Venedig wird Oper 1637 öffentlich und kommerziell. Heinrich Schütz bringt den neuen Stil nach Deutschland und übersetzt ihn in die protestantische Textexegese.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Monteverdi: Madrigale Buch IV (1603) und V (1605), z. B. Cruda Amarilli | Concerto Italiano (Rinaldo Alessandrini) Spotify | Genau die Dissonanzen, die Artusi zitiert hat | Artusi griff 1600 Passagen aus Cruda Amarilli an, bevor das Stück überhaupt gedruckt war; es kursierte in Abschriften. Monteverdis Antwort steht im Vorwort zu Buch V |
| Monteverdi: L’Orfeo (1607) | Jordi Savall (Le Concert des Nations) Spotify; René Jacobs Spotify | Possente spirto: Virtuosität als Beschwörung | Uraufgeführt in Mantua für eine Akademie am Hof der Gonzaga. Die Partitur nennt die Instrumente genau, ungewöhnlich für die Zeit, daher die farbigen Einspielungen |
| Monteverdi: Vespro della Beata Vergine (1610) | John Eliot Gardiner (Archiv, 1989, Markusdom) Spotify | Alter und neuer Stil nebeneinander in einer Sammlung | Dem Papst gewidmet, gedruckt zusammen mit einer streng altmodischen Messe, wohl eine Bewerbungsmappe. 1613 wurde Monteverdi Kapellmeister an San Marco |
| Monteverdi: L’incoronazione di Poppea (1643) | René Jacobs Spotify; Alessandrini Spotify | Das Laster siegt; das Schlussduett Pur ti miro ist vermutlich nicht von Monteverdi | Für das öffentliche Opernhaus in Venedig: zahlendes Publikum statt Hof. Zwei abweichende Handschriften, keine Partitur von Monteverdi: jede Aufführung ist eine Rekonstruktion |
| Monteverdi: Lamento della ninfa (1638) | Concerto Italiano Spotify | Ostinato-Bass als Ausdrucksmittel, Keimzelle der Passacaglia | Aus dem 8. Madrigalbuch Madrigali guerrieri et amorosi. Monteverdi schreibt vor, die Nymphe singe im Tempo ihrer Gefühle, das Begleit-Trio im Takt |
| Schütz: Musikalische Exequien (1636); Symphoniae sacrae | Vox Luminis Spotify; Cantus Cölln Spotify | Deutsche Sprachbetonung als musikalische Form | Die Exequien entstanden für das Begräbnis Heinrichs Posthumus Reuß, der die Bibeltexte selbst auf seinen Sarg schreiben ließ. Schütz lernte bei Giovanni Gabrieli in Venedig und kehrte später zu Monteverdi zurück |
| Frescobaldi: Fiori musicali (1635) | Orgelaufnahme nach Wahl Spotify | Toccata als Improvisation auf Papier | Frescobaldi war Organist an St. Peter in Rom. Bach besaß eine Abschrift der Fiori musicali: eine direkte Linie zu Etappe 5 |
Lesen
- Claudio Monteverdi, Vorwort zum 5. Madrigalbuch und Giulio Cesare Monteverdis Dichiaratione (1607). Kurz, im Original als Manifest lesbar.
- Tim Carter, Monteverdi’s Musical Theatre.
- Nikolaus Harnoncourt, Musik als Klangrede. Seine These zur „sprechenden“ Musik vor 1800 beginnt hier.
Brücke
Vergleiche den Lamento della ninfa mit Purcells Dido’s Lament (Etappe 4) und dem Passacaglia-Finale von Brahms’ Vierter (Etappe 10). Dreimal derselbe Trick: ein wiederholter Bass, darüber freier Ausdruck.
Etappe 4 - Hochbarock: Tonalität wird Betriebssystem
Zwischen 1680 und 1740 stabilisiert sich die Dur-Moll-Tonalität zu einem System mit Grundfunktionen, Quintfall und Modulation. Mit diesem System lässt sich erstmals rein instrumental lange Musik bauen, ohne Text als Gerüst.
Corelli standardisiert Triosonate und Concerto grosso; seine Opus 6 sind die Referenz des europäischen Instrumentalsatzes. Vivaldi erfindet die Ritornellform des Solokonzerts, die Bach dann abschreibt und umbaut. Frankreich geht einen eigenen Weg: Lully, Couperin und Rameau denken von Tanz, Ornament und Theorie her. Rameaus Traité de l’harmonie (1722) begründet die Harmonielehre.
Händel ist der erste Komponist als Unternehmer: italienische Oper in London, dann nach deren Pleite das englische Oratorium. Purcell ist die einzige große englische Stimme zwischen Byrd und Elgar.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Corelli: Concerti grossi op. 6 (gedruckt 1714) | Ensemble 415 (Chiara Banchini) Spotify | Wie Concertino und Ripieno sich die Musik zuwerfen | Erst nach Corellis Tod gedruckt, aber seit Jahrzehnten in Rom gespielt, teils mit riesigen Orchestern. Nr. 8 ist das „Weihnachtskonzert“ |
| Purcell: Dido and Aeneas (um 1688) | Emma Kirkby / Andrew Parrott (Chandos) Spotify | Der chromatisch fallende Ostinato unter When I am laid in earth | Belegt ist eine Aufführung 1689 an einer Mädchenschule in Chelsea; ob es eine frühere Hofaufführung gab, ist offen. Knapp eine Stunde: die kompakteste große Oper überhaupt |
| Vivaldi: L’estro armonico op. 3 (1711) | Europa Galante (Fabio Biondi) Spotify; Il Giardino Armonico Spotify | Ritornellform: Tutti-Refrain, Solo-Episoden, Tonartenplan | In Amsterdam gedruckt, europaweit verbreitet. Vivaldi schrieb für die Mädchen des Waisenhauses Ospedale della Pietà in Venedig, eines der besten Orchester der Zeit |
| Couperin: Pièces de clavecin, z. B. Les Barricades mystérieuses (1717) | Jean Rondeau Spotify; Skip Sempé Spotify | Style brisé: gebrochene Akkorde, die wie Lautenspiel klingen | Couperins Titel sind Rätsel; was die „geheimnisvollen Barrikaden“ sind, weiß niemand. Seine Schrift L’art de toucher le clavecin (1716) legt die Verzierungen genau fest |
| Rameau: Hippolyte et Aricie (1733); Les Indes galantes (1735) | Les Arts Florissants (William Christie) Spotify; Marc Minkowski Spotify | Harmonische Kühnheit im Trio der Parzen (Hippolyte) | Rameaus erste Oper mit 50 Jahren, nach einem Leben als Theoretiker. Das enharmonische Parzentrio war für die Sänger damals zu schwer und wurde gestrichen. Auslöser des Streits zwischen Lully- und Rameau-Anhängern |
| Rameau: Pièces de clavecin | Alexandre Tharaud (modernes Klavier) Spotify | Rameau auf dem Steinway: legitim oder nicht? | Tharauds Aufnahme machte Rameau am modernen Flügel populär. Gegenhören: dieselben Stücke mit Rondeau am Cembalo |
| Händel: Giulio Cesare in Egitto (1724) | René Jacobs Spotify; Marc Minkowski Spotify | Da-capo-Arie als Bühne für Virtuosität und Verzierung | Geschrieben für London und den Kastraten Senesino. Die Titelrolle singt heute meist ein Countertenor oder eine Mezzosopranistin |
| Händel: Saul (1739); Theodora (1750) | Gardiner (Saul) Spotify; William Christie (Theodora) Spotify | Der Chor als dramatische Figur, nicht als Kommentar | Nach dem Zusammenbruch der italienischen Oper in London erfand Händel das englische Oratorium: Theater ohne Bühne und teure Sänger. Theodora fiel beim Publikum durch; Händel hielt es für eines seiner besten Werke |
Lesen
- Manfred Bukofzer, Music in the Baroque Era (1947). Alt, aber begrifflich klar.
- Christopher Hogwood, Handel. Knapp und praxisnah.
- Harnoncourt, Der musikalische Dialog. Zum Unterschied zwischen barocker und klassischer Rhetorik.
Brücke
Höre ein Vivaldi-Konzert aus op. 3 und dann Bachs Cembalo-Bearbeitung desselben Konzerts (BWV 972–987, Etappe 5). Was Bach hinzufügt, ist die kürzeste Definition von „Bach“.
Etappe 5 - Bach: Das System, bis zum Ende gedacht
Bach ist kein Stilgründer, sondern ein Synthetiker: Er verschmilzt italienisches Konzert, französischen Tanz und deutschen Kontrapunkt und treibt jedes Genre bis an seine logische Grenze. Wer Bach als Sammlung von Zyklen hört, versteht ihn besser als über Einzelwerke.
Drei Achsen strukturieren das Werk. Enzyklopädie: Das Wohltemperierte Klavier, die Goldberg-Variationen, die Kunst der Fuge durchmessen jeweils einen Raum vollständig: alle Tonarten, alle Kanonintervalle, alle Fugentypen. Liturgie: rund 200 erhaltene Kantaten, die Passionen, die h-Moll-Messe als Summe. Konzert: Brandenburgische Konzerte, Solo-Sonaten und -Suiten als Studien, wie eine Linie Polyphonie andeutet.
Wichtig für Kenner ist die Interpretationsgeschichte. Mendelssohns Matthäus-Passion 1829, Gould 1955, Harnoncourt/Leonhardt ab 1971, Joshua Rifkins Ein-Sänger-pro-Stimme-These 1981. Jede Epoche hat „ihren“ Bach erfunden.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Matthäus-Passion BWV 244 (1727) | Philippe Herreweghe (1998) Spotify; gegenhören: Karl Richter (1958) Spotify | Zwei Chöre, zwei Orchester; Richters Monumentalität gegen Herreweghes Transparenz | Karfreitag in der Leipziger Thomaskirche. 1829 dirigierte der 20-jährige Mendelssohn die Wiederaufführung in der Berliner Singakademie, der Beginn der Bach-Renaissance |
| h-Moll-Messe BWV 232 (vollendet 1749) | Dunedin Consort (John Butt), solistisch besetzt Spotify | Rifkin-These im Praxistest: klingt es kleiner oder klarer? | Kyrie und Gloria schickte Bach 1733 an den Dresdner Hof, um einen Titel zu bekommen. Das Ganze stellte er erst kurz vor seinem Tod zusammen; zu Lebzeiten wurde es nie vollständig aufgeführt |
| Kantaten BWV 4, 82, 106 | Bach Collegium Japan (Masaaki Suzuki) Spotify; BWV 82 mit Lorraine Hunt Lieberson Spotify | Actus tragicus BWV 106: Tod als Übergang in wenigen Minuten Satztechnik | BWV 4 und 106 sind Frühwerke aus Mühlhausen, Bach war Anfang 20. Suzuki hat alle Kirchenkantaten eingespielt (BIS, 1995–2013). Hunt Liebersons BWV 82 entstand wenige Jahre vor ihrem Tod und gilt vielen als Referenz |
| Goldberg-Variationen BWV 988 (1741) | Glenn Gould 1955 Spotify und 1981 Spotify; Pierre Hantaï (Cembalo) Spotify | Jede dritte Variation ist ein Kanon, im Intervall aufsteigend | Als 4. Teil der Clavier-Übung gedruckt. Die Anekdote vom schlaflosen Grafen Keyserlingk stammt von Forkel und ist kaum belegt. Goulds Debüt 1955 und seine letzte Aufnahme 1981 rahmen seine Karriere |
| Das Wohltemperierte Klavier I (1722) + II (um 1742) | Swjatoslaw Richter Spotify; Kenneth Gilbert (Cembalo) Spotify | Präludium als Improvisation, Fuge als Beweis | Beweis, dass in allen 24 Tonarten gespielt werden kann; „wohltemperiert“ heißt nicht gleichstufig (siehe Querschnitt 2). Für Chopin tägliches Übungsmaterial, für Schumann „täglich Brot“ |
| Sonaten und Partiten für Violine solo (1720), v. a. Chaconne d-Moll | Christian Tetzlaff (2017) Spotify; Rachel Podger Spotify | Mehrstimmigkeit, die nur vorgestellt wird | Aus Bachs Köthener Zeit. Die These, die Chaconne sei ein Epitaph für seine 1720 verstorbene erste Frau, ist verbreitet, aber spekulativ |
| Cellosuiten (um 1720) | Anner Bylsma (1979) Spotify; Pierre Fournier Spotify | Tanz als Idealform, nicht als Tanzmusik | Kein Autograph erhalten, nur Abschriften, u. a. von Anna Magdalena Bach. Pablo Casals machte sie ab 1900 bekannt; Bylsma spielte sie als einer der Ersten auf Barockcello |
| Die Kunst der Fuge BWV 1080 (bis 1750) | Emerson String Quartet Spotify; Grigory Sokolov Spotify | Die abbrechende letzte Fuge mit B-A-C-H | Ohne Besetzungsangabe notiert, daher Orgel, Cembalo, Klavier, Quartett, Orchester. Posthum 1751 gedruckt, verkaufte sich kaum |
Lesen
- John Eliot Gardiner, Bach: Musik für die Himmelsburg. Kantaten und Leipziger Alltag, aus Dirigentensicht.
- Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach. Die Standardbiografie.
- Douglas Hofstadter, Gödel, Escher, Bach. Für die Kanons als formale Systeme, passt zum technischen Blick.
- Michael Maul, „Dero berühmbter Chor“. Die Leipziger Thomasschule und ihre Kantoren. Zu den realen Bedingungen, unter denen Bach aufführte.
Brücke
Höre die Chaconne im Original, dann in Busonis Klavierbearbeitung und in Brahms’ Fassung für die linke Hand. Bach als Material für das 19. Jahrhundert führt direkt in Etappe 10.
Etappe 6 - Empfindsamkeit und Wiener Klassik: Die Form wird Drama
Nach Bach wird Musik schlanker, liedhafter und vor allem dramatisch: Die Sonatenform macht Tonarten zu Gegenspielern, deren Konflikt aufgelöst werden muss. Das ist der Kern dessen, was Charles Rosen den „klassischen Stil“ nennt.
Der Übergang ist unruhiger als der Name „Klassik“ vermuten lässt. Carl Philipp Emanuel Bach schreibt Musik voller Brüche und Pausen, den Sturm und Drang in Tönen. Die Mannheimer Hofkapelle erfindet das Orchestercrescendo. Gluck reformiert die Oper gegen Sängerwillkür.
Haydn baut in über 100 Sinfonien und 68 Quartetten die Grammatik: motivische Arbeit, Witz, Überraschung als Formmittel. Mozart füllt sie mit Theater: seine Klavierkonzerte sind verkappte Opernszenen, seine Opern Ensembles mit psychologischer Gleichzeitigkeit.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| C. P. E. Bach: Sinfonien Wq 183 (1776); Fantasie fis-Moll Wq 67 (1787) | Akademie für Alte Musik Berlin Spotify; Andreas Staier Spotify | Abrupte Stimmungswechsel, rhetorische Pausen | Emanuel Bach war 30 Jahre Cembalist Friedrichs II. in Berlin und Potsdam, dann Musikdirektor in Hamburg. Die Fantasie trägt den Beinamen „C. P. E. Bachs Empfindungen“. Haydn und Beethoven studierten seinen Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen |
| Gluck: Orfeo ed Euridice (1762) | René Jacobs Spotify | Reduktion als Reform; vergleiche mit Monteverdis Orfeo | Uraufgeführt in Wien; das Reformprogramm formulierte Gluck erst 1769 im Vorwort zu Alceste: Musik soll dem Drama dienen, nicht den Sängern. Berlioz bearbeitete das Werk 1859 für Pauline Viardot |
| Haydn: Streichquartette op. 33 (1781) und op. 76 (1797) | Quatuor Mosaïques Spotify; Takács Quartet Spotify | Op. 33 Nr. 2 „Der Scherz“: das Ende, das nicht endet | Op. 33 bot Haydn Subskribenten als „auf eine ganz neue besondere Art“ geschrieben an. Op. 76 Nr. 3 enthält die Variationen über Gott erhalte Franz den Kaiser, die spätere Melodie des Deutschlandlieds |
| Haydn: Sinfonien Nr. 45 „Abschied“ (1772), Nr. 49, Nr. 104 (1795) | Il Giardino Armonico (Haydn2032) Spotify; Frans Brüggen Spotify | Nr. 45 in fis-Moll: das Orchester verschwindet Spieler für Spieler | Nr. 45 war eine Botschaft an Fürst Esterházy: Die Musiker wollten nach Monaten auf Schloss Esterháza nach Hause. Nr. 104 ist die letzte, für London, wo Haydn als Star gefeiert wurde |
| Haydn: Die Schöpfung (1798) | René Jacobs Spotify; Gardiner Spotify | Die Vorstellung des Chaos: Klassik malt Formlosigkeit | Angeregt durch Händels Oratorien, die Haydn in London gehört hatte. Das Fortissimo-C-Dur bei „Es ward Licht“ war bei der Uraufführung eine Sensation |
| Mozart: Klavierkonzerte KV 453, 466, 491, 503 (1784–86) | Murray Perahia Spotify; Kristian Bezuidenhout (Hammerflügel) Spotify | Holzbläser als eigene Figuren; KV 491 in c-Moll endet ohne Trost | Für Mozarts eigene Subskriptionskonzerte in Wien, sein Hauptgeschäft als freier Musiker. Beethoven bewunderte KV 491 und schrieb Kadenzen zu KV 466 |
| Mozart: Le nozze di Figaro (1786), v. a. Finale 2. Akt | Erich Kleiber (Decca, 1955) Spotify; René Jacobs Spotify | 20 Minuten durchkomponiertes Ensemble, Tonarten als Handlungsbögen | Beaumarchais’ Vorlage war in Wien als Theaterstück verboten. Da Ponte entschärfte das Politische, die Musik lässt es wieder hören: ein Graf, der von Dienern vorgeführt wird |
| Mozart: Streichquintette KV 515, 516 (1787) | Budapest String Quartet mit Walter Trampler Spotify | g-Moll KV 516: Mozarts dunkelstes Kammermusikwerk | Im selben Frühjahr wie Don Giovanni und kurz vor dem Tod des Vaters. Die zweite Bratsche macht den Klang dunkler und das Gewebe dichter als im Quartett |
| Mozart: Requiem KV 626 (1791) | Herreweghe Spotify; Dunedin Consort (Butt) Spotify | Was ist Mozart, was Ergänzung? | Anonym bestellt von Graf Walsegg, der es als eigenes Werk ausgeben wollte. Mozart starb über dem Lacrimosa; Süßmayr vollendete es im Auftrag Constanzes. Butt spielt die Fassung der ersten Aufführungen |
Lesen
- Charles Rosen, The Classical Style (dt. Der klassische Stil). Das wichtigste Buch dieser Reise. Langsam lesen, am Klavier oder mit Partitur.
- James Webster, Haydn’s Farewell Symphony and the Idea of Classical Style. Gegenthese zu Rosen.
- Wolfgang Hildesheimer, Mozart. Radikal entmythologisierend, bis heute umstritten.
Brücke
Lies Rosens Kapitel über Haydns Quartette und höre danach Schönbergs op. 10 (Etappe 14). Schönberg hielt sich für den Erben genau dieser motivischen Arbeit: „entwickelnde Variation“.
Etappe 7 - Beethoven: Der Komponist als Held und als Grübler
Beethoven verschiebt das Gewicht vom Unterhalten zum Bedeuten: Ein Werk soll jetzt etwas behaupten, eine Idee durchsetzen, einen Weg zurücklegen. Das 19. Jahrhundert wird ihn als Maßstab nicht mehr los; Brahms nennt ihn den „Riesen“, den er hinter sich hört.
Die übliche Dreiteilung ist grob, aber nützlich. Die frühe Phase erweitert Haydn und Mozart. Die „heroische“ Phase ab etwa 1802 (Eroica, Fünfte, Waldstein, Appassionata, Fidelio) macht Form zum Kampf mit Ziel. Die späte Phase ab etwa 1815 zerbricht diese Ziellinie wieder: Fugen, Variationen, Brüche, Liedhaftes neben Abstraktem.
Für Kenner lohnt es sich, die späten Werke ins Zentrum zu stellen. Die letzten Klaviersonaten und die späten Quartette waren Adornos, Strawinskys und Schönbergs Referenzpunkt. Die Große Fuge op. 133 klingt heute noch moderner als vieles aus dem 20. Jahrhundert.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Sinfonie Nr. 3 Eroica (1804) | Gardiner (ORR) Spotify; gegenhören: Furtwängler 1952 Spotify | Das Cis im ersten Satz: ein Fremdkörper, der erst später erklärt wird | Ursprünglich Napoleon gewidmet; nach dessen Kaiserkrönung radierte Beethoven den Namen so heftig aus, dass das Papier riss. Rund 50 Minuten, damals doppelt so lang wie eine übliche Sinfonie |
| Sinfonien Nr. 5 und 7 (1808, 1813) | Carlos Kleiber, Wiener Philharmoniker (DG) Spotify | Rhythmus als Energie; Kleibers Tempo als Maßstab | Die Fünfte wurde im Dezember 1808 in einem vierstündigen Konzert in einem ungeheizten Theater uraufgeführt, zusammen mit der Sechsten. Kleibers Aufnahme ist seit 50 Jahren eine der meistgenannten Referenzen |
| Klaviersonaten op. 57, 106, 109, 110, 111 | Emil Gilels (op. 106) Spotify; Maurizio Pollini (späte Sonaten) Spotify; Igor Levit Spotify | Op. 111: nur zwei Sätze, der zweite löst sich in Trillern auf | Op. 106 „Hammerklavier“ (1818) sprengte, was Instrumente und Pianisten damals konnten; Beethoven soll gesagt haben, sie werde erst in 50 Jahren gespielt. Op. 109–111 entstanden 1820–22 als Gruppe |
| Diabelli-Variationen op. 120 (1823) | Alfred Brendel Spotify; András Schiff (ECM) Spotify | 33 Kommentare zu einem banalen Walzer, auch ironisch | Der Verleger Diabelli bat rund 50 Komponisten um je eine Variation, darunter Schubert und den 11-jährigen Liszt. Beethoven lieferte statt einer gleich 33. Variation 22 zitiert Leporellos „Notte e giorno faticar“ aus Don Giovanni |
| Späte Streichquartette op. 127, 130–133, 135 (1825–26) | Busch Quartet Spotify; Takács Quartet Spotify; Quartetto Italiano Spotify | Op. 131: sieben Sätze ohne Pause; op. 132 „Heiliger Dankgesang“ in lydischem Modus | Angestoßen durch einen Auftrag des russischen Fürsten Golizyn. Beethoven war völlig taub. Schubert soll sich op. 131 wenige Tage vor seinem Tod gewünscht haben |
| Große Fuge op. 133 | Alban Berg Quartett Spotify; Emerson String Quartet Spotify | Als Finale von op. 130 hören, wie ursprünglich gedacht | Das Publikum verstand sie nicht, der Verleger bat um ein neues Finale. Beethoven schrieb es (sein letztes vollendetes Werk) und die Fuge wurde separat gedruckt. Strawinsky nannte sie ein absolut zeitgenössisches Stück |
| Missa solemnis op. 123 (1823) | Gardiner (Monteverdi Choir) Spotify; Harnoncourt Spotify | Das „Dona nobis pacem“ mit Kriegstrompeten | Für die Inthronisation von Erzherzog Rudolph als Erzbischof von Olmütz, aber vier Jahre zu spät fertig. Über das Kyrie schrieb Beethoven: „Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehn!“ |
| Fidelio (1805, endgültig 1814) | Otto Klemperer (EMI, 1962) Spotify | Singspiel wird Freiheitsdrama; Kerkerszene 2. Akt | Drei Fassungen und vier Ouvertüren in neun Jahren: Beethovens Sorgenkind. Klemperers Besetzung mit Christa Ludwig und Jon Vickers gilt als vorbildlich |
Lesen
- Maynard Solomon, Beethoven. Psychologisch, die Standardbiografie im Englischen.
- Jan Caeyers, Beethoven. Der einsame Revolutionär. Aktuell und gut lesbar auf Deutsch.
- Theodor W. Adorno, Beethoven. Philosophie der Musik (Fragmente). Schwierig, aber der Aufsatz „Spätstil Beethovens“ ist ein Muss.
- Thomas Mann, Doktor Faustus, Kapitel VIII: Kretzschmars Vortrag über op. 111.
Brücke
Höre op. 132, dritter Satz, und dann Schostakowitschs Streichquartett Nr. 15 (Etappe 15). Beide schreiben langsame Musik an der Grenze zum Stillstand, beide am Ende ihres Lebens.
Etappe 8 - Frühromantik: Das Innere, das Fragment, die Ferne
Die Romantik ersetzt das klassische Ziel durch das Unerreichbare: Sehnsucht, Wanderung, das Fragment, das mehr andeutet als es sagt. Das Lied und das kurze Klavierstück werden dafür zu den wichtigsten Gattungen.
Schubert ist der Schlüssel: Er denkt harmonisch in Terzverwandtschaften statt in Quintfall und öffnet dadurch Räume statt Wege. Seine späten Werke (Quintett C-Dur, Sonate B-Dur D 960, Winterreise) sind so lang, weil sie nicht vorwärts wollen; Schumann nannte das „himmlische Länge“.
Schumann ist der Literat unter den Komponisten: Zyklen mit Chiffren, Doppelgängern und Zitaten. Chopin macht das Klavier zum Gesangsinstrument, Mendelssohn verbindet Bach-Renaissance mit klassischer Eleganz. Berlioz erfindet mit der Symphonie fantastique 1830 das Programm-Orchester und die moderne Instrumentation.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Schubert: Winterreise D 911 (1827) | Fischer-Dieskau / Brendel Spotify; Bostridge / Adès Spotify; Goerne / Eschenbach Spotify | Tonartenplan als Weg nach unten; Der Leiermann auf einer Quinte | Texte von Wilhelm Müller. Schubert sang den Zyklus Freunden vor, die schockiert waren; er sagte, ihm gefielen diese Lieder mehr als alle anderen. Er korrigierte die Druckfahnen noch kurz vor seinem Tod 1828 |
| Schubert: Streichquintett C-Dur D 956 (1828) | Emerson String Quartet mit Mstislaw Rostropowitsch Spotify; Stern, Casals u. a. (Prades 1952) Spotify | Das Adagio: Zeitstillstand über pizzicato-Bass | Zwei Celli statt zwei Bratschen, ein dunkler, tiefer Klang. Geschrieben in Schuberts letzten Wochen, erst 1850 uraufgeführt und 1853 gedruckt |
| Schubert: Klaviersonate B-Dur D 960 (1828) | Swjatoslaw Richter Spotify; Radu Lupu Spotify; Mitsuko Uchida Spotify | Der Triller im Bass als unheimliche Störung | Die letzte von drei Sonaten aus Schuberts Todesjahr. Lange als formlos unterschätzt; erst im 20. Jh. zum Kernrepertoire geworden. Richters erster Satz dauert über 25 Minuten |
| Schumann: Dichterliebe op. 48; Liederkreis op. 39 (1840) | Fritz Wunderlich / Hubert Giesen Spotify; Christian Gerhaher / Gerold Huber Spotify | Das Klaviernachspiel, das mehr sagt als der Text | 1840 ist Schumanns „Liederjahr“: rund 140 Lieder im Jahr seiner Heirat mit Clara Wieck, gegen den Widerstand ihres Vaters vor Gericht durchgesetzt. Texte von Heine und Eichendorff |
| Schumann: Kreisleriana op. 16; Davidsbündlertänze op. 6 | Martha Argerich Spotify; Murray Perahia Spotify | Florestan und Eusebius: zwei Temperamente in einem Zyklus | Kreisleriana bezieht sich auf E. T. A. Hoffmanns exzentrischen Kapellmeister Kreisler; gewidmet ist es Chopin. Die Davidsbündler sind Schumanns imaginärer Bund gegen die „Philister“ |
| Chopin: Balladen, Préludes op. 28, Barcarolle op. 60 | Krystian Zimerman Spotify; Martha Argerich Spotify; Dinu Lipatti Spotify | Chopin als Formdenker: Balladen sind erzählte Sonaten | Die Préludes gehen durch alle 24 Tonarten, eine Hommage an Bachs Wohltemperiertes Klavier, großteils auf Mallorca vollendet. Lipattis Aufnahmen entstanden kurz vor seinem frühen Tod 1950 |
| Mendelssohn: Oktett op. 20 (1825); Sommernachtstraum-Ouvertüre (1826) | Academy of St Martin in the Fields Chamber Ensemble Spotify; Herreweghe Spotify | Ein 16-Jähriger mit vollständiger Technik | Beide in Berlin geschrieben, im Elternhaus in der Leipziger Straße, wo sonntags Hauskonzerte stattfanden. Das Oktett ist ein Geschenk zum Geburtstag seines Geigenlehrers |
| Berlioz: Symphonie fantastique (1830) | Colin Davis (Concertgebouw) Spotify; Marc Minkowski Spotify | Die idée fixe; der „Hexensabbat“ mit Dies irae und Glocken | Drei Jahre nach Beethovens Tod und autobiografisch: Berlioz’ Obsession für die Schauspielerin Harriet Smithson, die er später heiratete. Liszt übertrug die Sinfonie aufs Klavier und machte sie so bekannt |
Lesen
- Charles Rosen, The Romantic Generation (dt. Musik der Romantik). Fortsetzung von Etappe 6, noch dichter.
- Ian Bostridge, Schuberts Winterreise. Lieder von Liebe und Schmerz. Ein Kapitel pro Lied, mit Geschichte, Naturkunde und Politik.
- Robert Schumann, Gesammelte Schriften über Musik und Musiker. Seine Kritik „Ein Opus 2“ über Chopin („Hut ab, ihr Herren“).
Brücke
Höre Schuberts Der Leiermann und dann Hans Zenders Schuberts „Winterreise“ – eine komponierte Interpretation (1993). Zender liest Schubert mit den Ohren der Nachkriegsmoderne. Übergang zu Etappe 16.
Etappe 9 - Oper im 19. Jahrhundert: Belcanto, Verdi, Wagner
Im 19. Jahrhundert wird die Oper zum Leitmedium der Gesellschaft, und am Ende zur Frage, ob Musik die Welt erlösen kann. Zwei Antworten stehen sich gegenüber: Verdis Theater des Menschen und Wagners Gesamtkunstwerk.
Rossini, Bellini und Donizetti perfektionieren den Belcanto: Melodie, Stimmkultur, Nummernoper mit Arie, Cabaletta und Ensemble. Weber gründet mit dem Freischütz 1821 die deutsche romantische Oper, Meyerbeer die Pariser Grand opéra. Verdi entwickelt über 50 Jahre von der Nummernoper (Nabucco) zum durchkomponierten Musikdrama (Otello, Falstaff), ohne die Stimme je zu entmachten.
Wagner geht weiter: Leitmotive als Netz, unendliche Melodie, das Orchester als Erzähler. Tristan und Isolde (1865) suspendiert die Auflösung über vier Stunden; der Tristan-Akkord ist der meistanalysierte Klang der Musikgeschichte. Ohne Wagner gäbe es weder Mahler noch Schönberg noch die Filmmusik.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Rossini: Il barbiere di Siviglia (1816) | Claudio Abbado (DG, 1971) Spotify | Das Rossini-Crescendo als Maschine | Angeblich in rund drei Wochen geschrieben; die Premiere in Rom war ein Fiasko, die zweite Vorstellung ein Triumph. Abbados Aufnahme verwendete eine gereinigte kritische Edition |
| Bellini: Norma (1831) | Maria Callas / Tullio Serafin Spotify | Casta diva: die lange Linie, die Chopin bewunderte | Wagner schätzte Bellini ausdrücklich. Callas sang die Norma rund 90-mal; die Rolle wurde ihr Markenzeichen |
| Weber: Der Freischütz (1821) | Carlos Kleiber (DG, 1973) Spotify | Wolfsschlucht: Horror mit Orchesterfarben | Uraufgeführt im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, dem heutigen Konzerthaus. Wurde zum Gründungsmythos einer deutschen Nationaloper |
| Verdi: La traviata (1853), Rigoletto (1851) | Carlos Kleiber (Traviata, DG, 1977) Spotify; Callas / Serafin (Rigoletto) Spotify | Rigoletto-Quartett: vier Figuren, vier Affekte gleichzeitig | Rigoletto musste gegen die Zensur verteidigt werden: Aus dem französischen König in Hugos Vorlage wurde ein Herzog von Mantua. Traviata zeigte eine Kurtisane als Heldin in zeitgenössischem Kostüm; die Premiere fiel durch |
| Verdi: Don Carlo (1867, fünfaktige Fassung) | Carlo Maria Giulini (EMI, 1970) Spotify | Politik und Religion; das Duett Philipp–Großinquisitor ohne Tenor und Sopran | Für die Pariser Grand opéra komponiert, nach Schiller. Es existieren mindestens fünf Fassungen; Giulini spielt die italienische in fünf Akten |
| Verdi: Otello (1887), Falstaff (1893) | Otello: Tullio Serafin mit Jon Vickers Spotify; Falstaff: Toscanini 1950 Spotify oder Karajan 1956 Spotify | Falstaffs Schlussfuge: „Tutto nel mondo è burla“ | Nach Aida schwieg Verdi 16 Jahre; erst der Librettist Arrigo Boito lockte ihn mit Shakespeare zurück. Falstaff schrieb er mit fast 80, seine einzige erfolgreiche Komödie. Der Kleiber-Mitschnitt der Scala 1976 ist nur inoffiziell greifbar |
| Wagner: Tristan und Isolde (1865) | Carlos Kleiber (DG, Dresden) Spotify; Furtwängler (EMI, 1952) Spotify | Vorspiel und Liebestod: der Akkord, der 4 Stunden auf seine Auflösung wartet | Entstanden während Wagners Affäre mit Mathilde Wesendonck in Zürich, unter dem Eindruck Schopenhauers. Nach über 70 Proben in Wien für unspielbar erklärt; uraufgeführt 1865 in München |
| Wagner: Der Ring des Nibelungen (1876) | Georg Solti (Decca) Spotify; Karl Böhm (Bayreuth 1967) Spotify | Das Es-Dur des Rheingold-Vorspiels: 136 Takte ein Akkord | 26 Jahre Arbeit, rund 15 Stunden Musik; für den Ring ließ Wagner das Festspielhaus in Bayreuth mit verdecktem Orchestergraben bauen. Soltis Aufnahme (1958–65) war die erste vollständige Studioproduktion |
| Wagner: Parsifal (1882) | Hans Knappertsbusch (Bayreuth 1962) Spotify | „Zum Raum wird hier die Zeit“: Musik als Zustand | Wagners letztes Werk, ein „Bühnenweihfestspiel“, bis 1913 nur in Bayreuth erlaubt. Knappertsbusch dirigierte es dort fast jedes Jahr von 1951 bis 1964 |
Lesen
- Carl Dahlhaus, Richard Wagners Musikdramen. Kurz, präzise, deutsch.
- Bryan Magee, Wagner and Philosophy (dt. Wagner und die Philosophie). Schopenhauer als Schlüssel zu Tristan.
- Thomas Mann, Leiden und Größe Richard Wagners (1933). Der Essay, der Mann ins Exil begleitete.
- Julian Budden, The Operas of Verdi (3 Bde.), als Nachschlagewerk.
Brücke
Höre das Tristan-Vorspiel und direkt danach das Vorspiel zu Debussys Pelléas et Mélisande (Etappe 13). Debussy wollte Wagner entkommen und landet doch in seiner Klangwelt, nur ohne Ziel.
Etappe 10 - Parteienstreit: Absolute Musik gegen Musik der Zukunft
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts streitet über eine Grundfrage: Hat Instrumentalmusik ihren Sinn in sich selbst oder braucht sie Programm, Poesie, Fortschritt? Eduard Hanslicks Vom Musikalisch-Schönen (1854) gegen die „Neudeutschen“ um Liszt und Wagner.
Liszt erfindet die sinfonische Dichtung und die Thementransformation, schreibt im Spätwerk schon fast atonal (Nuages gris, Bagatelle sans tonalité). Brahms dagegen hält an Sonate, Variation und Kammermusik fest, aber seine Motivtechnik ist so dicht, dass Schönberg später den Aufsatz „Brahms the Progressive“ schreibt.
Bruckner steht quer: Er bewundert Wagner, schreibt aber absolute Sinfonien, gebaut wie Kathedralen aus Blöcken und Generalpausen. Seine Werke existieren in mehreren Fassungen, was die Frage „Was ist das Werk?“ neu stellt.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Liszt: Sonate h-Moll (1853) | Krystian Zimerman Spotify; Martha Argerich Spotify | Vier Sätze in einem, alles aus drei Motiven | Robert Schumann gewidmet, der kurz darauf in die Nervenheilanstalt Endenich kam. Brahms soll bei Liszts Vortrag eingeschlafen sein; Hanslick nannte sie eine „Genialitätsdampfmühle“ |
| Liszt: Spätwerke (Nuages gris, La lugubre gondola, Unstern!) | Alfred Brendel Spotify | Harmonik ohne Ziel, 30 Jahre vor Debussy | La lugubre gondola entstand 1882 in Venedig, kurz vor Wagners Tod dort, wie eine Vorahnung. Zu Liszts Lebzeiten meist ungedruckt; erst die Moderne erkannte ihre Bedeutung |
| Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll (1859) | Clifford Curzon / George Szell (Decca) Spotify; Emil Gilels / Eugen Jochum Spotify | Sinfonie mit Klavier, nicht Virtuosenstück | Hervorgegangen aus einer Sonate für zwei Klaviere und einer abgebrochenen Sinfonie, geschrieben nach Schumanns Selbstmordversuch 1854. In Leipzig ausgepfiffen |
| Brahms: Sinfonie Nr. 4 (1885) | Carlos Kleiber (DG) Spotify; Wilhelm Furtwängler (1948) Spotify | Das Passacaglia-Finale über einen Bach-Bass | Der Bass stammt aus Bachs Kantate BWV 150. Brahms brauchte über 20 Jahre bis zur ersten Sinfonie, aus Angst vor dem Beethoven-Vergleich; die Vierte ist seine letzte |
| Brahms: Klarinettenquintett op. 115 (1891); Klavierquintett op. 34 (1864) | Karl Leister / Amadeus Quartet Spotify; Pollini / Quartetto Italiano Spotify | Spätstil: Herbst, Rückblick, Ungarisches im Adagio | Brahms hatte das Komponieren schon aufgeben wollen; der Meininger Klarinettist Richard Mühlfeld brachte ihn zurück. Das Klavierquintett durchlief zuvor Fassungen als Streichquintett und als Sonate für zwei Klaviere |
| Brahms: Ein deutsches Requiem (1868) | Otto Klemperer (EMI) Spotify; Herreweghe Spotify | Trost statt Gericht; kein Dies irae | Brahms wählte die Texte selbst aus der Lutherbibel, ohne Christus-Bezug. Anlass waren wohl der Tod seiner Mutter und Schumanns. Klemperers Aufnahme mit Schwarzkopf und Fischer-Dieskau gilt als klassisch |
| Brahms: Klavierstücke op. 116–119 (1892–93) | Radu Lupu Spotify | Miniaturen mit Kontrapunkt der dichtesten Sorte | Brahms nannte die Intermezzi op. 117 „Wiegenlieder meiner Schmerzen“. Viele waren für Clara Schumann gedacht, die sie als erste spielte |
| Bruckner: Sinfonien Nr. 8 (1890) und 9 (unvollendet) | Sergiu Celibidache (Münchner Philharmoniker, EMI) Spotify; Günter Wand (Berliner Philharmoniker) Spotify | Celibidaches extrem langsame Tempi: Klang als Raum | Die Achte existiert in zwei Fassungen (1887, 1890), weil der Dirigent Hermann Levi die erste ablehnte. Celibidache lehnte Plattenaufnahmen ab; seine Bruckner-Mitschnitte erschienen erst nach seinem Tod |
| Bruckner: Sinfonie Nr. 7 (1883) | Herbert von Karajan / Wiener Philharmoniker (1989) Spotify | Adagio mit Wagnertuben, geschrieben in Erwartung von Wagners Tod | Bruckners erster großer Erfolg, uraufgeführt 1884 in Leipzig unter Arthur Nikisch. Karajans Aufnahme im April 1989 war seine letzte überhaupt |
Lesen
- Eduard Hanslick, Vom Musikalisch-Schönen. Kurz, polemisch, als Primärtext lesen.
- Arnold Schönberg, „Brahms the Progressive“, in Style and Idea (dt. Stil und Gedanke).
- Carl Dahlhaus, Die Musik des 19. Jahrhunderts (Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Bd. 6). Der deutschsprachige Gegenpol zu Taruskin.
- Alan Walker, Franz Liszt (3 Bde.), für Tiefe, nicht für Tempo.
Brücke
Höre Liszts Nuages gris (1881) und dann Weberns Sechs Bagatellen op. 9 (Etappe 14). Kürze, Leere, Harmonik ohne Zentrum: die Moderne hat im Spätwerk eines Romantikers begonnen.
Etappe 11 - Nationale Schulen und Ränder: Wer gehört zum Zentrum?
Das Etikett „nationale Schule“ ist eine deutsche Perspektive: Was von Wien und Leipzig abweicht, gilt als Folklore. Die spannendere Frage ist, wo die Ränder dem Zentrum etwas Neues beigebracht haben, und das war erstaunlich oft.
Mussorgsky ist das beste Beispiel. Sein Boris Godunow ignoriert die westliche Harmonielehre, folgt der russischen Sprachmelodie und klingt deshalb roher und moderner als alles um 1870. Rimski-Korsakow glättete ihn, Schostakowitsch orchestrierte ihn neu, heute spielt man ihn wieder im Original.
Janáček baut Melodien aus aufgezeichneten Sprechmelodien, eine Methode, die Reich 100 Jahre später mit Tonband wiederholt. Sibelius denkt Sinfonien als organisches Wachsen statt als Konflikt, was Spektralisten und Minimalisten später faszinierte. Dvořák, Smetana, Tschaikowsky, Grieg und Nielsen gehören dazu, sind aber näher an der Norm.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Mussorgsky: Boris Godunow (Fassung 1869) | Valery Gergiev (Kirov, beide Fassungen) Spotify | Glockenszene, Chor als Volk mit eigener Stimme | Die Urfassung wurde vom Mariinski-Theater abgelehnt, u. a. weil eine große Frauenrolle fehlte; Mussorgsky ergänzte 1872 den Polen-Akt. Gergievs Box enthält beide Fassungen zum direkten Vergleich |
| Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung (Klavier, 1874) | Swjatoslaw Richter, Sofia 1958 Spotify | Das Klavieroriginal ist härter als Ravels Orchesterfassung | Geschrieben nach einer Gedenkausstellung für den Maler Viktor Hartmann. Zu Mussorgskys Lebzeiten nie gedruckt; Ravels Orchestrierung von 1922 machte es weltberühmt. Richters Sofia-Konzert gilt als legendär |
| Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 6 Pathétique (1893) | Jewgeni Mrawinski (DG, 1960) Spotify | Ein langsames Finale, das im Nichts endet; vergleiche mit dem Adagio-Finale von Mahlers Neunter | Tschaikowsky dirigierte die Uraufführung und starb neun Tage später. Die Todesursache (Cholera oder Suizid) ist bis heute umstritten. Mrawinskis Leningrader Philharmonie spielte das Werk seit Jahrzehnten unter ihm |
| Dvořák: Streichquartett op. 106 (1895); Cellokonzert (1895) | Pavel Haas Quartet Spotify; Rostropowitsch / Karajan Spotify | Dvořáks Amerika-Erfahrung verarbeitet in Böhmen | Das Cellokonzert entstand noch in New York, als Dvořák das National Conservatory leitete. Brahms soll gesagt haben, hätte er gewusst, dass man so ein Cellokonzert schreiben kann, hätte er es selbst getan |
| Janáček: Jenůfa (1904), Aus einem Totenhaus (1930); Streichquartette Nr. 1 und 2 | Charles Mackerras (Decca) Spotify; Pavel Haas Quartet Spotify | Kurze, besessene Motive; Musik aus Sprache | Janáček wurde erst mit 62 berühmt, als Jenůfa 1916 in Prag herauskam. Das 2. Quartett Intime Briefe spiegelt seine Briefe an die 37 Jahre jüngere Kamila Stösslová. Mackerras rekonstruierte Janáčeks originale Partituren |
| Janáček: Sinfonietta (1926) | Mackerras / Wiener Philharmoniker Spotify | Die Fanfare mit zusätzlichem Blech (neun Trompeten, Basstrompeten, Tenortuben) | Ursprünglich für ein Sokol-Turnfest geschrieben und der tschechoslowakischen Armee gewidmet. Ein Porträt der Stadt Brünn, Satz für Satz |
| Sibelius: Sinfonien Nr. 4 (1911), 5 (1915/19), 7 (1924) | Paavo Berglund (Chamber Orchestra of Europe) Spotify; Osmo Vänskä (Lahti) Spotify | Nr. 7: eine Sinfonie in einem Satz, ohne Grenzen zwischen Teilen | Nach der Siebten verstummte Sibelius für 30 Jahre; eine achte Sinfonie verbrannte er wohl in den 1940ern. Das Hauptthema der Fünften soll ihm beim Anblick von 16 Schwänen eingefallen sein |
| Nielsen: Sinfonie Nr. 5 (1922) | Leonard Bernstein (1962) Spotify | Die kleine Trommel, die das Orchester sabotieren soll | Die Partitur verlangt, der Trommler solle improvisieren, „als ob er den Fortgang des Orchesters um jeden Preis aufhalten wolle“. Bernsteins Aufnahme brachte Nielsen ins internationale Repertoire |
| Albéniz: Iberia (1905–08) | Alicia de Larrocha Spotify | Spanien aus Pariser Perspektive, Übergang zu Etappe 13 | In Paris geschrieben, im Umfeld von Debussy und Dukas. Technisch eines der schwersten Werke der Klavierliteratur; de Larrocha hat es dreimal eingespielt |
Lesen
- Richard Taruskin, Defining Russia Musically. Essays gegen das Klischee der „russischen Seele“.
- Orlando Figes, Natasha’s Dance (dt. Nataschas Tanz). Kulturgeschichte Russlands mit viel Musik.
- Milan Kundera, Verratene Vermächtnisse, Kapitel zu Janáček. Ein Romancier verteidigt einen Komponisten gegen seine Verehrer.
Brücke
Höre Janáčeks Streichquartett Nr. 2 Intime Briefe und dann Steve Reichs Different Trains (Etappe 17). Beide übersetzen gesprochene Sprache direkt in Instrumentalmelodie.
Etappe 12 - Fin de siècle: Das Orchester als Welt
Um 1900 wird die Sinfonie so groß, dass sie platzt: Mahler will „eine Welt aufbauen“, Strauss malt mit 100 Musikern Psychologie, und beide schieben die Tonalität bis an ihre Grenze. Hier entsteht der Druck, der sich in Etappe 14 entlädt.
Mahlers Sinfonien mischen Erhabenes mit Banalem: Militärmärsche, Ländler, Kinderlieder, Choräle stehen nebeneinander, oft ironisch gebrochen. Adorno nannte das „Bruch“: das Material ist beschädigt, und Mahler zeigt es. Die Neunte und Das Lied von der Erde sind Abschiedsmusik, die mit dem Ausklingen komponiert.
Strauss geht vom Tongedicht (Also sprach Zarathustra, Ein Heldenleben) zur expressionistischen Oper (Salome, Elektra) und kehrt dann mit dem Rosenkavalier zu Walzer und Rokoko zurück. Diese Umkehr 1911 ist eine der großen Weichenstellungen der Moderne. Hugo Wolf und der junge Zemlinsky bringen das Lied an dieselbe Grenze.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Mahler: Sinfonie Nr. 2 Auferstehung (1894) | Otto Klemperer (EMI) Spotify; Gilbert Kaplan (Wiener Philharmoniker) Spotify | Der Sprung vom Scherzo („Fischpredigt“) ins Urlicht | Die Idee zum Finale kam Mahler 1894 bei der Trauerfeier für Hans von Bülow, als Klopstocks Choral „Aufersteh’n“ gesungen wurde. Kaplan war Wirtschaftsjournalist und Amateurdirigent, der nur dieses eine Werk dirigierte, mit größter Partiturtreue |
| Mahler: Sinfonie Nr. 3 (1896) | Leonard Bernstein (DG) Spotify; Claudio Abbado (Luzern) Spotify | 100 Minuten Weltordnung vom Stein bis zur Liebe | Mahlers längste Sinfonie, im Komponierhäuschen am Attersee entstanden. Zu Bruno Walter sagte er, er brauche die Landschaft nicht anzuschauen, er habe sie „wegkomponiert“ |
| Mahler: Sinfonie Nr. 6 (1904) | Claudio Abbado (Berliner Philharmoniker) Spotify; George Szell Spotify | Die Hammerschläge im Finale | Die „Tragische“ entstand in glücklichen Jahren. Mahler strich den dritten Hammerschlag; Alma deutete die Schläge später als Vorahnung der Schicksalsschläge von 1907. Die Reihenfolge der Mittelsätze ist bis heute umstritten |
| Mahler: Das Lied von der Erde (1908–09) | Bruno Walter / Ferrier / Patzak (Decca, 1952) Spotify; Otto Klemperer / Wunderlich / Ludwig Spotify | Der Abschied: das Wort „ewig“ wiederholt, die Musik endet ohne Kadenz auf einem offenen Klang | Nach chinesischen Gedichten in Hans Bethges Nachdichtung. Mahler vermied die Nummer 9 aus Aberglauben. Walter leitete 1911 die Uraufführung, nach Mahlers Tod |
| Mahler: Sinfonie Nr. 9 (1909–10) | Karajan live 1982 (Berlin) Spotify; Bernstein (Concertgebouw) Spotify | Der letzte Satz stirbt Takt für Takt | Mahler hat sie nie gehört. Alban Berg schrieb nach dem Studium der Partitur, der erste Satz sei das Herrlichste, was Mahler geschrieben habe. Karajans Live-Aufnahme aus der Philharmonie gilt als eine seiner besten |
| Strauss: Elektra (1909) | Georg Solti mit Birgit Nilsson (Decca) Spotify | Der Elektra-Akkord: zwei Dreiklänge gleichzeitig | Erste Zusammenarbeit mit Hofmannsthal, ein Einakter von 100 Minuten ohne Pause mit über 100 Musikern. Danach war Strauss am Ende dieses Weges angekommen |
| Strauss: Der Rosenkavalier (1911) | Carlos Kleiber (Bayerische Staatsoper, Video 1979); Karajan (EMI, 1956) Spotify | Terzett im 3. Akt: Walzerseligkeit mit Trauer | Walzer im Wien Maria Theresias, ein bewusster Anachronismus, denn den Walzer gab es damals noch nicht. Die Premiere in Dresden war so erfolgreich, dass Sonderzüge aus Berlin fuhren |
| Strauss: Vier letzte Lieder (1948); Metamorphosen (1945) | Gundula Janowitz / Karajan Spotify; Karajan (Wiener Philharmoniker, 1947) Spotify | Metamorphosen: Trauer über das zerstörte Deutschland, mit Eroica-Zitat | Die Metamorphosen für 23 Solostreicher entstanden nach der Zerstörung der Opernhäuser in München, Dresden und Wien; Strauss’ Verhältnis zum NS-Staat bleibt Teil der Debatte. Die Vier letzten Lieder hat er nie gehört |
| Wolf: Mörike-Lieder (1888) | Dietrich Fischer-Dieskau / Daniel Barenboim Spotify | Das Klavier als gleichrangiger Interpret des Gedichts | 53 Lieder in wenigen Monaten, in einem Schaffensrausch. Wolf ließ auf die Titelblätter „Gedichte von Eduard Mörike“ drucken: der Dichter vor dem Komponisten |
Lesen
- Theodor W. Adorno, Mahler. Eine musikalische Physiognomik. Adornos zugänglichstes Buch.
- Jens Malte Fischer, Gustav Mahler. Der fremde Vertraute. Die beste deutsche Biografie.
- Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, erste Kapitel. Die Wiener Kultur, aus der das alles kommt.
- Carl E. Schorske, Fin-de-siècle Vienna (dt. Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle). Mahler, Klimt, Freud, Schönberg im Zusammenhang.
Brücke
Höre Mahlers Neunte, letzten Satz, und dann Luciano Berios Sinfonia (1968), dritter Satz (Etappe 16). Berio legt ein ganzes Scherzo aus Mahlers Zweiter unter ein Collage-Gewebe aus Zitaten und Sprache.
Etappe 13 - Frankreich: Klang statt Entwicklung
Frankreich beantwortet die deutsche Frage „Wohin entwickelt sich das Thema?“ mit einer Gegenfrage: Warum muss es sich überhaupt entwickeln? Debussy macht den einzelnen Klang, die Farbe, den Moment zum Material, und legt damit eine zweite Wurzel der Moderne neben Schönberg.
Fauré ist der stille Revolutionär: modale Wendungen, gleitende Harmonik, kaum Pathos. Debussy hört 1889 auf der Pariser Weltausstellung javanisches Gamelan und entwickelt Ganztonleitern, Pentatonik und parallele Akkorde, die nicht mehr funktional sind, sondern koloristisch. Prélude à l’après-midi d’un faune (1894) gilt oft als Beginn der musikalischen Moderne.
Ravel ist präziser, klassizistischer, ein Uhrmacher der Instrumentation. Satie unterläuft alles mit Ironie und Wiederholung: Vexations soll 840-mal gespielt werden, was Cage 1963 tatsächlich tat. Lili Boulanger und Nadia Boulanger schließlich prägen, als Komponistin bzw. Lehrerin, zwei Generationen bis Copland und Glass.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Fauré: Requiem (Fassung 1893); Klavierquintett Nr. 2 (1921) | Herreweghe Spotify; Domus Spotify | Ein Requiem ohne Angst, In Paradisum als Ziel | Fauré nannte es ein Wiegenlied des Todes, nicht einen Schrei der Angst. Die Kammerfassung von 1893 (ohne volle Violinen) ist intimer als die Orchesterfassung von 1900. Das Quintett schrieb er, fast taub, mit über 70 |
| Debussy: Prélude à l’après-midi d’un faune (1894), La Mer (1905) | Pierre Boulez (Cleveland, DG) Spotify; François-Xavier Roth (Les Siècles) Spotify | Die Flöte am Anfang: ein Tritonus-Rahmen, keine Tonart | Nach Mallarmés Gedicht; Nijinskys Ballett von 1912 wurde ein Skandal. Für die Erstausgabe von La Mer ließ Debussy Hokusais Große Welle aufs Titelblatt drucken. Roth spielt auf französischen Instrumenten der Entstehungszeit |
| Debussy: Pelléas et Mélisande (1902) | Roger Désormière (1941) Spotify; Claudio Abbado (DG) Spotify | Deklamation ohne Arien: die Anti-Wagner-Oper | Nach Maeterlinck, der sich mit Debussy überwarf, weil seine Geliebte die Mélisande nicht singen durfte. Désormières Aufnahme entstand im besetzten Paris mit einer Besetzung, die noch in Debussys Tradition stand |
| Debussy: Préludes I + II (1910–13); Études (1915) | Arturo Benedetti Michelangeli Spotify; Mitsuko Uchida Spotify | Voiles in Ganztonleiter; Études als Tor zu Boulez | Die Titel der Préludes stehen am Ende jedes Stücks, in Klammern, als nachträglicher Hinweis. Die Études sind Chopin gewidmet und entstanden während des Krieges und Debussys Krebserkrankung |
| Debussy: Streichquartett (1893); Sonaten 1915–17 | Quatuor Ébène Spotify; Isabelle Faust / Alexander Melnikov Spotify | Die späten Sonaten: Rückgriff auf Rameau und Couperin | Sechs Sonaten waren geplant, drei wurden fertig. Debussy unterschrieb sie als „musicien français“, eine patriotische Geste gegen die deutsche Musik im Ersten Weltkrieg |
| Ravel: Gaspard de la nuit (1908), Le Tombeau de Couperin (1917) | Martha Argerich Spotify; Ivo Pogorelich Spotify | Le Gibet: ein B-Orgelpunkt, der 52 Takte durchhält | Gaspard nach Gedichten von Aloysius Bertrand; Scarbo sollte schwerer sein als Balakirews Islamey. Jeder Satz des Tombeau ist einem im Ersten Weltkrieg gefallenen Freund gewidmet |
| Ravel: Daphnis et Chloé (1912, vollständig) | Pierre Boulez (Berliner Philharmoniker) Spotify | Lever du jour: Orchestrierung als Lichtwechsel | Für Diaghilews Ballets Russes, mit Nijinsky. Ravel nannte es eine „choreografische Sinfonie“; der Chor singt ohne Worte. Die vollständige Fassung ist fast doppelt so lang wie die bekannte Suite Nr. 2 |
| Satie: Gymnopédies, Gnossiennes; Socrate | Aldo Ciccolini (Klavierwerke) Spotify; Socrate Spotify | Socrate: Musik ohne Rhetorik, 40 Jahre vor Feldman | Die Gnossiennes sind ohne Taktstriche notiert, mit Spielanweisungen wie „Sur la langue“. Socrate (1918) vertont Platons Dialoge über Sokrates’ Tod, völlig ohne Dramatik. Cage hielt Satie für unverzichtbar |
| Lili Boulanger: Psaumes (1916–17); D’un matin de printemps (1918) | Igor Markevitch (1960) Spotify; Yan Pascal Tortelier (BBC Philharmonic) Spotify | Eine Stimme, die 1918 mit 24 Jahren verstummte | 1913 gewann sie als erste Frau den Prix de Rome für Komposition. Ihre Schwester Nadia gab danach das Komponieren weitgehend auf, lehrte und setzte sich lebenslang für Lilis Werk ein |
Lesen
- Claude Debussy, Monsieur Croche. Debussys Kritiken, bissig und kurz.
- Paul Roberts, Images: The Piano Music of Claude Debussy. Musik, Malerei und Symbolismus.
- Vladimir Jankélévitch, Die Musik und das Unaussprechliche. Philosophie der französischen Musik, poetisch und eigenwillig.
Brücke
Höre Debussys Voiles und dann Messiaens Vingt regards sur l’Enfant-Jésus (Etappe 15) und Griseys Partiels (Etappe 17). Die französische Linie von Klangfarbe zu Spektrum ist die geradeste der ganzen Reise.
Etappe 14 - Der Bruch: 1908 bis 1923
In 15 Jahren fällt die Tonalität als Pflicht, und drei Wege entstehen, die das Jahrhundert bestimmen: Schönbergs Atonalität und Zwölftontechnik, Strawinskys rhythmische Revolution und später Neoklassizismus, Bartóks Synthese aus Volksmusikforschung und Konstruktion.
Schönberg verlässt 1908 im Finale seines zweiten Quartetts die Tonart mit dem Vers „Ich fühle luft von anderem planeten“. Es folgen freie Atonalität (Erwartung, Pierrot lunaire), eine Krise des Formbaus, und 1923 die Zwölftonmethode als neues Ordnungssystem. Berg verbindet sie mit Oper und Romantik, Webern reduziert sie auf Kristall: seine 31 Opera dauern zusammen kaum drei Stunden.
Strawinskys Sacre du printemps (Paris 1913) zertrümmert nicht die Harmonie, sondern das Metrum: asymmetrische Akzente, Blockschnitt, Ostinati. Bartók zeichnet ab 1906 tausende Bauernlieder mit dem Phonographen auf und baut daraus eine eigene modale und rhythmische Sprache.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Schönberg: Verklärte Nacht op. 4 (1899); Streichquartett Nr. 2 op. 10 (1908) | Juilliard String Quartet Spotify; LaSalle Quartet Spotify | Der Moment im 4. Satz von op. 10, an dem die Tonart wegbricht | Verklärte Nacht wurde von einem Wiener Verein abgelehnt, weil sie einen unbekannten Akkord enthielt. Op. 10 entstand während der Krise seiner Ehe; seine Frau Mathilde war mit dem Maler Richard Gerstl fortgegangen. Die Uraufführung 1908 wurde ein Skandal |
| Schönberg: Erwartung op. 17 (1909); Fünf Orchesterstücke op. 16 (1909) | Jessye Norman / James Levine (Erwartung) Spotify; Pierre Boulez (op. 16) Spotify | Op. 16 Nr. 3 Farben: Klangfarbenmelodie statt Melodie | Erwartung (ein halbstündiger Monolog einer Frau, die im Wald ihren toten Geliebten sucht) schrieb Schönberg in 17 Tagen. Uraufgeführt erst 1924. Aus dem Jahr stammen auch seine expressionistischen Gemälde |
| Schönberg: Pierrot lunaire op. 21 (1912) | Boulez mit Christine Schäfer (DG) Spotify | Sprechgesang; 21 Gedichte, fast jedes mit anderer Besetzung | Ein Auftrag der Schauspielerin Albertine Zehme, uraufgeführt in Berlin im Choralion-Saal. Die Besetzung (Flöte, Klarinette, Geige, Cello, Klavier) wurde zum Standard des Neue-Musik-Ensembles, bis heute „Pierrot-Ensemble“ genannt |
| Schönberg: Klavierstücke op. 11, 23, 33; Klaviersuite op. 25 (1923) | Maurizio Pollini Spotify; Glenn Gould Spotify | Op. 25: die erste vollständige Zwölftonkomposition, als Barocksuite | Schönberg soll gesagt haben, er habe etwas gefunden, das die Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten 100 Jahre sichere. Die Suite nutzt Gavotte, Musette, Menuett und Gigue: alte Formen für die neue Methode |
| Berg: Wozzeck (1925); Violinkonzert (1935) | Claudio Abbado (DG) Spotify; Isabelle Faust / Abbado Spotify | Das Violinkonzert zitiert Bachs Choral Es ist genug | Wozzeck wurde 1925 an der Berliner Staatsoper Unter den Linden unter Erich Kleiber nach 137 Proben uraufgeführt. Das Violinkonzert ist „dem Andenken eines Engels“ gewidmet, der mit 18 verstorbenen Manon Gropius; Berg starb vor der Uraufführung |
| Webern: Sämtliche Werke (op. 1–31) | Pierre Boulez (DG, 6 CDs) Spotify | Op. 21 Sinfonie: Palindrom und Kanon, 10 Minuten | Webern promovierte über den Renaissance-Komponisten Heinrich Isaac; die Kanons kommen von dort. Er wurde 1945 in Mittersill im Salzburger Land von einem US-Soldaten erschossen, als er vor dem Haus eine Zigarre rauchte |
| Strawinsky: Le Sacre du printemps (1913), Petruschka (1911), Les Noces (1923) | Boulez (Cleveland, 1969) Spotify; Leonard Bernstein (Noces) Spotify | Sacre, Danse sacrale: ständig wechselnde Taktarten | Die Pariser Premiere des Sacre am 29. Mai 1913 endete im Tumult, eher wegen Nijinskys Choreografie als wegen der Musik. Les Noces für vier Klaviere, Schlagwerk und Chor ist das radikalste der drei Ballette |
| Strawinsky: Symphonies d’instruments à vent (1920); Psalmensinfonie (1930) | Boulez Spotify; Strawinsky selbst Spotify | Blockform: Abschnitte ohne Übergänge nebeneinander | Die Symphonies sind dem Andenken Debussys gewidmet. Die Psalmensinfonie schrieb Strawinsky für das Boston Symphony Orchestra, ohne Violinen und Bratschen |
| Bartók: Streichquartette Nr. 1–6 (1909–39) | Emerson String Quartet Spotify; Takács Quartet Spotify | Nr. 4 und 5: Brückenform, symmetrisch um die Mitte | Der zentrale Quartettzyklus des 20. Jahrhunderts, oft mit Beethovens späten Quartetten verglichen. Nr. 6 entstand beim Abschied von Ungarn; jeder Satz beginnt mit der Trauermelodie „Mesto“ |
| Bartók: Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) | Fritz Reiner (Chicago, RCA) Spotify | Die Eröffnungsfuge, die sich wie ein Fächer öffnet | Auftrag von Paul Sacher für das Basler Kammerorchester. Zwei Streichergruppen stehen sich links und rechts gegenüber, eine frühe räumliche Komposition. Kubrick verwendete den 3. Satz in The Shining |
Lesen
- Alex Ross, The Rest Is Noise (dt. The Rest Is Noise. Das 20. Jahrhundert hören), Teil I. Der beste Einstieg ins 20. Jahrhundert, auch für Kenner lesenswert.
- Arnold Schönberg, Stil und Gedanke, und seine Harmonielehre (1911), letztes Kapitel.
- Richard Taruskin, Stravinsky and the Russian Traditions. Zwei Bände, die zeigen, wie russisch das „universale“ Werk ist.
- Theodor W. Adorno, Philosophie der neuen Musik. Schönberg gegen Strawinsky als Fortschritt gegen Restauration. Lesen, um zu widersprechen.
Brücke
Höre Weberns Sinfonie op. 21 und dann Boulez’ Structures Ia (Etappe 16). Boulez nimmt Weberns Reihenordnung und überträgt sie auf Dauer, Lautstärke und Anschlag: der Schritt zum Serialismus.
Etappe 15 - Musik unter Druck: 1920 bis 1950
Zwischen den Kriegen wird Musik zur politischen Frage: Diktaturen verlangen Verständlichkeit, Exil zerstreut ganze Schulen, und die Komponisten antworten mit Maske, Ironie oder Rückzug in den Glauben. Keine Etappe zeigt so deutlich, dass Stil auch eine Überlebensstrategie ist.
In der Weimarer Republik entstehen Gebrauchsmusik (Hindemith), Songspiel und Theatermusik (Weill, Eisler mit Brecht). Nach 1933 gilt vieles davon als „entartet“; Schönberg, Weill, Eisler, Hindemith gehen ins Exil. In der Sowjetunion erlebt Schostakowitsch 1936 den Prawda-Artikel gegen seine Lady Macbeth und 1948 das Schdanow-Dekret. Seine Musik lebt seitdem in einer Doppelbödigkeit, über die bis heute gestritten wird.
Andere wählen den Rückzug nach innen. Messiaen schreibt 1941 im Kriegsgefangenenlager Görlitz das Quatuor pour la fin du temps. Britten findet in Oper und Kriegsrequiem eine englische, pazifistische Stimme.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Weill: Die Dreigroschenoper (1928); Die sieben Todsünden (1933) | Lotte Lenya (Columbia, 1950er) Spotify | Jazz, Tango und Choral als Gesellschaftskritik | Die Dreigroschenoper wurde 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt, heute das Berliner Ensemble. Die sieben Todsünden entstand schon im Pariser Exil. Lenya war Weills Frau und sang in der Uraufführung |
| Hindemith: Mathis der Maler (Sinfonie, 1934); Ludus tonalis (1942) | Hindemith selbst (Berliner Philharmoniker) Spotify; Ludus tonalis Spotify | Die Frage nach der Rolle des Künstlers in der Politik | Furtwängler setzte sich 1934 öffentlich für Hindemith ein und verlor darüber seine Ämter („Fall Hindemith“). Die Oper über den Maler Grünewald, der zwischen Kunst und Aufstand wählen muss, durfte in Deutschland nicht gespielt werden. Ludus tonalis ist Hindemiths Wohltemperiertes Klavier aus dem US-Exil |
| Eisler: Hollywooder Liederbuch (1942–43) | Matthias Goerne / Eric Schneider Spotify | Exil-Lieder zwischen Brecht und Hölderlin | Eisler schrieb in Los Angeles Filmmusik und diese Lieder als Tagebuch. 1947 vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe gestellt und ausgewiesen; später komponierte er die DDR-Nationalhymne |
| Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk (1934) | Mstislaw Rostropowitsch mit Galina Wischnewskaja (EMI) Spotify | Die Musik, die Stalin aus der Loge vertrieb | Zwei Jahre lang ein Erfolg, dann besuchte Stalin eine Aufführung. Zwei Tage später erschien der Prawda-Artikel „Chaos statt Musik“. Rostropowitsch und Wischnewskaja nahmen die Urfassung 1978 im westlichen Exil auf |
| Schostakowitsch: Sinfonien Nr. 5 (1937), 8 (1943), 10 (1953) | Jewgeni Mrawinski Spotify; Kirill Kondraschin Spotify | Das Finale von Nr. 5: Triumph oder erzwungener Jubel? | Die Fünfte war die Rehabilitation nach 1936; bei der Uraufführung soll das Publikum im Largo geweint haben. Die Zehnte kam kurz nach Stalins Tod und trägt Schostakowitschs Monogramm DSCH im 3. Satz. Mrawinski leitete die Uraufführungen von Nr. 5, 8 und 10 |
| Schostakowitsch: Streichquartette Nr. 8 (1960) und 15 (1974) | Borodin Quartet Spotify; Emerson String Quartet Spotify | Nr. 8 zitiert das Monogramm D-Es-C-H und eigene Werke | Nr. 8 entstand in drei Tagen in Dresden, offiziell den Opfern von Faschismus und Krieg gewidmet, privat von ihm als eigenes Requiem bezeichnet. Nr. 15 besteht aus sechs langsamen Sätzen in es-Moll |
| Prokofjew: Klaviersonaten Nr. 6–8 (1940–44); Romeo und Julia (1935) | Swjatoslaw Richter Spotify; Lorin Maazel (Cleveland) Spotify | Maschinenrhythmus neben Lyrik | Die „Kriegssonaten“. Richter führte Nr. 7 und 9 erstmals auf. Prokofjew kehrte 1936 freiwillig aus Paris in die Sowjetunion zurück und starb 1953 am selben Tag wie Stalin |
| Messiaen: Quatuor pour la fin du temps (1941); Vingt regards (1944) | Tashi (1976) Spotify; Pierre-Laurent Aimard Spotify; Yvonne Loriod Spotify | Nicht umkehrbare Rhythmen, Modi mit begrenzter Transponierbarkeit | Das Quatuor entstand im Stalag VIII A in Görlitz, für die Instrumente, die im Lager verfügbar waren; die Uraufführung fand im Januar 1941 vor Mitgefangenen statt. Loriod, Messiaens spätere Frau, spielte die Uraufführung der Vingt regards |
| Messiaen: Turangalîla-Symphonie (1948) | Riccardo Chailly mit Jean-Yves Thibaudet (Decca) Spotify | Ondes Martenot als frühes elektronisches Instrument | Auftrag von Koussevitzky für Boston, uraufgeführt 1949 unter dem jungen Leonard Bernstein. Der Titel verbindet zwei Sanskritwörter: Spiel und Zeit, Liebe und Tod |
| Britten: Peter Grimes (1945); War Requiem (1962) | Britten selbst (Decca, mit Peter Pears) Spotify | War Requiem: Wilfred-Owen-Gedichte neben der lateinischen Messe | Für die Weihe der neuen Kathedrale von Coventry, deren Vorgängerin 1940 von deutschen Bomben zerstört wurde. Die Solisten sollten aus England, Deutschland und der Sowjetunion kommen: Pears, Fischer-Dieskau, Wischnewskaja |
Lesen
- Julian Barnes, Der Lärm der Zeit. Roman über Schostakowitsch; die ideale Einführung in die Doppelbödigkeit.
- Laurel Fay, Shostakovich: A Life. Nüchterne Gegenposition zur umstrittenen Zeugenaussage von Solomon Wolkow.
- Michael H. Kater, Composers of the Nazi Era. Acht Porträts, von Orff bis Pfitzner.
- Paul Griffiths, Olivier Messiaen and the Music of Time.
Brücke
Messiaens Kompositionskurse in Paris sind die Brücke in Etappe 16: Boulez, Stockhausen und Xenakis waren seine Schüler. Höre sein Mode de valeurs et d’intensités (1949), das Stück, das den Serialismus auslöste.
Etappe 16 - Nachkriegsavantgarde: Stunde null, Parameter, Zufall
Nach 1945 versucht eine junge Generation, Musik von Grund auf neu zu bauen, ohne Erbe, das der Krieg diskreditiert hat. Zwei Antworten stehen sich gegenüber: totale Kontrolle (Serialismus) und totale Freigabe (Zufall), und beide führen überraschend zu ähnlichen Klangergebnissen.
Die Darmstädter Ferienkurse ab 1946 werden zur Werkstatt. Boulez, Stockhausen und Nono ordnen nicht nur Tonhöhen, sondern auch Dauern, Lautstärken und Klangfarben in Reihen. Im Studio für elektronische Musik des WDR in Köln (ab 1951) und in Pierre Schaeffers musique concrète in Paris wird der Klang selbst komponierbar: Sinustöne, Filter, Tonbandschnitt.
Cage in den USA geht den umgekehrten Weg: Zufallsoperationen, 4’33” (1952), Stille als Material. Xenakis, Ingenieur und Architekt bei Le Corbusier, bringt Stochastik und Mengenlehre in die Komposition. Ligeti überwindet ab 1960 den Serialismus durch Klangflächen und Mikropolyphonie.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Messiaen: Mode de valeurs et d’intensités (1949) | Pierre-Laurent Aimard Spotify; Yvonne Loriod Spotify | Jeder Ton hat feste Dauer, Lautstärke und Anschlag | In Darmstadt komponiert, nur drei Minuten lang. Stockhausen hörte 1951 eine Aufnahme und beschloss, bei Messiaen zu studieren. Messiaen selbst hielt es für ein Experiment, nicht für ein Hauptwerk |
| Boulez: Le Marteau sans maître (1955); Pli selon pli; Répons (1981–84) | Boulez (DG, Ensemble intercontemporain) Spotify; Marteau Spotify | Répons: Live-Elektronik verteilt Solisten im Raum | Marteau nach René Char, mit Altstimme, Xylorimba und Gitarre: Einflüsse von Gamelan und afrikanischer Musik. Répons entstand am IRCAM, das Boulez 1977 gründete, mit einem eigens gebauten Echtzeit-Signalprozessor |
| Stockhausen: Gesang der Jünglinge (1956); Kontakte (1960) | Stockhausen-Verlag Spotify | Elektronik und Knabenstimme verschmolzen; Kontakte: das Absinken von Tonhöhe in Rhythmus | Im WDR-Studio Köln entstanden; Gesang war ursprünglich für fünf Lautsprechergruppen im Raum gedacht. In Kontakte verlangsamt Stockhausen einen Ton so weit, bis er als Folge von Impulsen hörbar wird: eine hörbare Frequenz-Rhythmus-Einheit |
| Stockhausen: Gruppen für drei Orchester (1957) | Claudio Abbado / Berliner Philharmoniker Spotify | Klang, der zwischen drei Orchestern durch den Raum wandert | Drei Orchester mit drei Dirigenten stehen hufeisenförmig um das Publikum; die Tempi folgen einer chromatischen Skala von Geschwindigkeiten, analog zu Tonhöhen. Eine Aufnahme kann den Raum nur andeuten. Live erleben, wenn möglich |
| Nono: Il canto sospeso (1956); La lontananza nostalgica utopica futura (1988) | Abbado Spotify; Gidon Kremer Spotify | Politisch engagierter Serialismus; später Stille und Fragment | Il canto sospeso vertont Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer. Das Spätwerk La lontananza für Violine und Tonband entstand für Kremer; der Geiger wandert zwischen mehreren Notenpulten im Raum |
| Cage: Sonatas and Interludes (1946–48); Music of Changes (1951) | Herbert Henck Spotify; David Tudor Spotify | Präpariertes Klavier als Gamelan-Ersatz | Die Sonatas sollen die „permanenten Emotionen“ der indischen Ästhetik darstellen; Schrauben, Radiergummis und Bolzen zwischen den Saiten. Music of Changes ist mit dem I Ging komponiert und dem Pianisten David Tudor gewidmet |
| Xenakis: Metastaseis (1954); Pithoprakta (1956); Nomos alpha (1966) | Hans Rosbaud (SWF) Spotify; Arditti Quartet Spotify | Glissando-Wolken, berechnet aus Gasmolekül-Statistik | Xenakis entwarf mit denselben hyperbolischen Paraboloiden den Philips-Pavillon der Expo 1958 für Le Corbusier. Metastaseis wurde 1955 in Donaueschingen uraufgeführt. Nomos alpha für Cello solo nutzt Gruppentheorie |
| Ligeti: Atmosphères (1961), Lontano (1967), Requiem (1965) | Jonathan Nott (Berliner Philharmoniker, Teldec Ligeti Project) Spotify | Mikropolyphonie: viele Stimmen, die einzeln unhörbar sind | Ligeti floh 1956 aus Ungarn und arbeitete im WDR-Studio, bevor er die Elektronik mit Orchester nachbaute. Kubrick verwendete Atmosphères, Lux aeterna und das Requiem ohne Erlaubnis in 2001 |
| Ligeti: Études pour piano (1985–2001) | Pierre-Laurent Aimard Spotify | Nancarrow, afrikanische Polyrhythmik, Chopin in einem | Drei Bücher mit 18 Etüden; Aimard spielte viele Uraufführungen. Ligeti nannte Conlon Nancarrows Player-Piano-Studien die größte Entdeckung seit Webern und Ives |
| Berio: Sinfonia (1968); Sequenzas | Pierre Boulez (Erato) Spotify; Ensemble intercontemporain (DG) Spotify | Collage aus Mahler, Beckett, Studentenparolen 1968 | Für das 125-jährige Jubiläum der New York Philharmonic, mit den Swingle Singers. Der 2. Satz ist eine Hommage an Martin Luther King. Die 14 Sequenzas erforschen je ein Soloinstrument bis an seine Grenzen |
| Zimmermann: Die Soldaten (1965); Requiem für einen jungen Dichter (1969) | Michael Gielen (Wergo) Spotify | Kugelgestalt der Zeit: alle Zeiten gleichzeitig | Die Soldaten galt lange als unspielbar; die Kölner Oper nahm sie erst an, nachdem Zimmermann sie vereinfacht hatte. Das Requiem ist eine Collage aus Reden, Texten und Musik von 1920 bis 1970. Zimmermann nahm sich 1970 das Leben |
Lesen
- Paul Griffiths, Modern Music and After. Der konziseste Überblick über die Nachkriegszeit.
- Pierre Boulez, Anhaltspunkte und Aufsätze wie „Schönberg ist tot“ (1952). Polemik als Programm.
- John Cage, Silence. Lectures, Anekdoten, typografische Experimente.
- Iannis Xenakis, Formalized Music. Mathematisch; für den technischen Blick die ergiebigste Primärquelle der Epoche.
Brücke
Höre Ligetis Poème symphonique für 100 Metronome (1962) und dann Terry Rileys In C (1964, Etappe 17). Beide erzeugen aus mechanischer Wiederholung ein Klangfeld, das sich langsam verschiebt, einmal als Ironie gegen die Avantgarde, einmal als Neubeginn.
Etappe 17 - Nach der Avantgarde: Wiederholung, Stille, Spektrum
Ab Mitte der 1960er Jahre antworten mehrere Strömungen auf die Komplexität von Darmstadt, nicht mit Rückkehr, sondern mit radikaler Vereinfachung oder mit Physik. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Zeit wieder hörbar machen.
Die amerikanische Minimal Music (La Monte Young, Riley, Reich, Glass) arbeitet mit Wiederholung, Pulsen und allmählichen Prozessen. Reichs Phasenverschiebung entdeckt er zufällig mit zwei Tonbandmaschinen, die nicht synchron laufen. Morton Feldman dagegen komponiert leise, lange und ohne Prozess: Muster, die sich wie Teppiche verschieben, bis zu sechs Stunden.
In Europa setzen Arvo Pärt (Tintinnabuli) und Henryk Górecki auf Einfachheit mit spiritueller Grundierung. Die französischen Spektralisten (Gérard Grisey, Tristan Murail) gehen den umgekehrten Weg: Sie analysieren das Obertonspektrum eines Klangs per Sonagramm und orchestrieren es aus. Musik wird Akustik: eine Linie von Debussy über Messiaen bis zu Kaija Saariaho.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Riley: In C (1964) | Originalaufnahme (Columbia, 1968) Spotify | 53 Module, jede Stimme in eigenem Tempo durch sie hindurch | Uraufgeführt im San Francisco Tape Music Center; Reich spielte mit und schlug den durchgehenden Puls auf dem hohen C vor. Jede Aufführung ist anders lang, meist 45–90 Minuten |
| Reich: Piano Phase (1967); Come Out (1966) | Reich Spotify; Piano Phase Spotify | Das Muster entsteht aus der Verschiebung, nicht aus den Noten | Come Out verwendet die Stimme eines jungen Schwarzen, der 1964 in Harlem von der Polizei misshandelt worden war. Piano Phase überträgt die Tonbandtechnik auf zwei Pianisten: ein Mensch spielt die Maschine nach |
| Reich: Music for 18 Musicians (1976); Different Trains (1988) | Steve Reich and Musicians (ECM, 1978) Spotify; Kronos Quartet Spotify | Die elf Akkorde als Zyklus; Sprachmelodien der Zugreise | Die ECM-Aufnahme verkaufte sich über 100.000-mal, für Neue Musik unerhört. Different Trains stellt Reichs Kindheitsreisen durch die USA den Deportationszügen in Europa gegenüber; Grammy 1990 |
| Glass: Einstein on the Beach (1976) | Originalbesetzung (Nonesuch, 1993) Spotify | Additive Rhythmik; Oper ohne Handlung | Mit dem Regisseur Robert Wilson; fast fünf Stunden ohne Pause, das Publikum darf kommen und gehen. Glass mietete für die Uraufführung die Metropolitan Opera und machte hohe Schulden |
| Feldman: Rothko Chapel (1971); For Philip Guston (1984) | UC Berkeley Chamber Chorus Spotify; S.E.M. Ensemble (Petr Kotík) Spotify | Musik, die sich weigert, sich zu erinnern | Für die Rothko-Kapelle in Houston, nach Rothkos Suizid; die Bratschenmelodie am Ende schrieb Feldman als Jugenderinnerung. For Philip Guston dauert rund vier Stunden, für Flöte, Schlagzeug und Klavier |
| Feldman: String Quartet II (1983, ca. 6 Std.) | Flux Quartet Spotify | Konzentration als Erfahrung; in Etappen hören ist erlaubt | Feldman sagte, bis zu einer Stunde gehe es um Form, danach um Maßstab. Die Flux-Aufnahme ist die erste ungekürzte |
| Pärt: Tabula rasa (1977); Fratres; Spiegel im Spiegel (1978) | Gidon Kremer, Keith Jarrett, Dennis Russell Davies (ECM, 1984) Spotify | Tintinnabuli: eine Melodiestimme, eine Dreiklangstimme | Nach Jahren des Schweigens und Studiums der Gregorianik fand Pärt 1976 seinen Stil. Manfred Eicher hörte Tabula rasa im Autoradio und gründete dafür die Reihe ECM New Series |
| Górecki: Sinfonie Nr. 3 (1976) | Dawn Upshaw / David Zinman (Nonesuch) Spotify | Eine Neue-Musik-Sinfonie in den Pop-Charts 1992 | „Sinfonie der Klagelieder“; der 2. Satz vertont eine Inschrift, die eine 18-Jährige 1944 an die Wand einer Gestapo-Zelle in Zakopane schrieb. Die Aufnahme verkaufte über eine Million Exemplare |
| Grisey: Les Espaces acoustiques (1974–85, inkl. Partiels) | Asko Ensemble / WDR Sinfonieorchester, Stefan Asbury (Kairos) Spotify | Partiels: das Spektrum eines tiefen E der Posaune, instrumental nachgebaut | Sechs Stücke mit wachsender Besetzung, von Bratsche solo bis großes Orchester. Grisey analysierte das Posaunen-E per Sonagramm und verteilte die Partialtöne auf 18 Instrumente: so klingt ein künstlich vergrößerter Einzelton |
| Murail: Gondwana (1980); Désintégrations (1983) | Ensemble intercontemporain (Accord) Spotify | Klangverläufe aus Glocken- und FM-Synthese-Modellen | Gondwana modelliert Glockenspektren und Blechbläserklänge mit Rechenverfahren aus der FM-Synthese. Désintégrations verbindet Ensemble und am IRCAM berechnetes Tonband |
| Saariaho: Lichtbogen (1986); L’amour de loin (2000) | Esa-Pekka Salonen Spotify; Kent Nagano (Oper) Spotify | Spektralismus mit Lyrik und Elektronik | Lichtbogen ist inspiriert von Polarlichtern über dem Nordpolarmeer. L’amour de loin über einen Troubadour des 12. Jh. war 2016 die erste Oper einer Komponistin an der Met seit über 100 Jahren |
Lesen
- Steve Reich, Writings on Music 1965–2000. Vor allem „Music as a Gradual Process“ (1968), drei Seiten.
- Morton Feldman, Give My Regards to Eighth Street. Die unterhaltsamsten Komponistenessays des Jahrhunderts.
- Kyle Gann, Keith Potter, Pwyll ap Siôn (Hg.), The Ashgate Research Companion to Minimalist and Postminimalist Music.
- Gérard Grisey, Écrits ou l’invention de la musique spectrale. Für die akustischen Grundlagen.
Brücke
Wer die Spektralisten technisch verstehen will: Nimm einen Klang, lass eine FFT darüber laufen und lies die Partialtöne ab. Genau so hat Grisey Partiels gebaut; der Weg von der Messung zur Partitur ist erstaunlich direkt.
Etappe 18 - Gegenwart: Keine Hauptstraße mehr
Seit etwa 1980 gibt es keinen verbindlichen Stil mehr, sondern ein Netz von Positionen. Die Frage ist nicht mehr „Was ist fortschrittlich?“, sondern „Was ist diese Musik für mich?“; deshalb lohnt es sich, Komponisten nach ihrer Haltung zu gruppieren.
Klang als Arbeit am Material. Helmut Lachenmann macht mit seiner musique concrète instrumentale die Geräusche hörbar, die beim Spielen entstehen: Bogendruck, Luft, Anschlag. Salvatore Sciarrino arbeitet am Rand der Hörbarkeit, Georg Friedrich Haas mit Mikrotönen und Obertonakkorden in völliger Dunkelheit.
Komplexität. Brian Ferneyhough und die „New Complexity“ notieren an der Grenze des Spielbaren, als Widerstand, den der Interpret sichtbar überwinden muss. Neue Expressivität und Theater. Thomas Adès, Unsuk Chin, George Benjamin und Olga Neuwirth schreiben für Oper und Orchester mit enormer Farbigkeit. Grenzgänger. Louis Andriessen, Michael Gordon und Julia Wolfe verbinden Postminimalismus mit Rock-Energie.
Hörprogramm
| Werk | Aufnahme | Worauf hören | Kontext |
|---|---|---|---|
| Lachenmann: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (1997) | Staatsoper Stuttgart, Lothar Zagrosek (ECM) Spotify | Kälte als Klang: Streichinstrumente, die nur noch reiben | Nach Andersen, verschränkt mit Texten von Leonardo da Vinci und der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, einer Jugendfreundin Lachenmanns. Uraufgeführt 1997 in Hamburg |
| Lachenmann: Streichquartette Nr. 1–3 (1972, 1989, 2001) | Arditti Quartet (Kairos) Spotify; JACK Quartet Spotify | Wo der Ton aufhört und das Geräusch beginnt | Nr. 1 Gran Torso gilt als Gründungswerk der musique concrète instrumentale. Nr. 2 heißt Reigen seliger Geister, nach Glucks Orfeo, eine Brücke zu Etappe 6 |
| Sciarrino: Luci mie traditrici (1998); Sei capricci (1976) | Klangforum Wien (Oper) Spotify; Sei capricci Spotify | Flageoletts, Atem, Stille als Spannungsträger | Die Sei capricci für Violine solo antworten auf Paganini und bestehen fast nur aus Flageoletts. Die Oper wurde in Schwetzingen uraufgeführt und ist eines der meistgespielten Musiktheater der letzten Jahrzehnte |
| Haas: in vain (2000) | Klangforum Wien, Sylvain Cambreling (Kairos) Spotify | Lichtwechsel: die Aufführung wechselt zwischen Hell und völligem Dunkel | Reaktion auf den Regierungseintritt der FPÖ in Österreich 2000: eine Musik, die sich im Kreis dreht und nicht vorankommt. In der Dunkelheit spielen die Musiker auswendig. Simon Rattle nannte es eines der wenigen Meisterwerke des 21. Jahrhunderts |
| Ferneyhough: Streichquartette | Arditti Quartet Spotify | Musik, bei der Scheitern Teil des Ausdrucks ist | Ferneyhough lehrte lange in Freiburg und Stanford und prägte die „New Complexity“. Das Arditti Quartet ist seit den 1970ern der wichtigste Partner dieser Musik; ohne sie gäbe es viele dieser Werke nicht |
| Adès: Asyla (1997); The Tempest (2004) | Simon Rattle (Birmingham) Spotify; Adès (Met, Video) | Clubmusik im dritten Satz von Asyla | Asyla war Rattles Abschiedsgeschenk an Birmingham und das erste Stück, das er 2002 als Chef der Berliner Philharmoniker dirigierte. The Tempest verlangt von Ariel extrem hohe Koloraturen |
| Unsuk Chin: Violinkonzert (2001); Alice in Wonderland (2007) | Viviane Hagner / Myung-Whun Chung (DG) Spotify; Bayerische Staatsoper (Video) | Gamelan, Spektrum und Humor | Chin lebt seit den 1980ern in Berlin und studierte bei Ligeti. Das Violinkonzert gewann 2004 den Grawemeyer Award. Alice eröffnete 2007 die Münchner Opernfestspiele |
| Benjamin: Written on Skin (2012) | Benjamin, Mahler Chamber Orchestra (Nimbus) Spotify | Eine der meistgespielten neuen Opern des 21. Jahrhunderts | Uraufgeführt in Aix-en-Provence in Katie Mitchells Regie, nach einer Troubadour-Legende des 13. Jh. Die Figuren berichten von sich in der dritten Person: Distanz statt Pathos |
| Andriessen: De Staat (1976); Workers Union (1975) | Schönberg Ensemble, Reinbert de Leeuw Spotify | Politische Theorie trifft harte Pulsierung | De Staat vertont Platons Kritik an der Musik in der Politeia, ausgerechnet mit lauten Blechbläsern und verstärkten Instrumenten. Workers Union hat keine festgelegte Besetzung, nur Rhythmus und Kontur |
| Julia Wolfe: Anthracite Fields (2014) | Bang on a Can All-Stars, The Choir of Trinity Wall Street Spotify | Oratorium über Kohlebergbau, Pulitzer-Preis 2015 | Über den Bergbau in Pennsylvania, mit Namenslisten verunglückter Bergleute und Interviews. Wolfe gründete Bang on a Can 1987 mit Michael Gordon und David Lang |
| Rebecca Saunders: Skin; Stirring Still | Klangforum Wien; musikFabrik Spotify | Klangfläche und Schnitt, extrem physisch | Die Britin lebt in Berlin; 2019 erhielt sie den Ernst von Siemens Musikpreis. Viele Werke gehen von Samuel Becketts Texten aus |
Lesen
- Helmut Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung. Schwer, aber die Schlüsseltexte zu „Hören ist wehrlos – ohne Hören“.
- Alex Ross, Listen to This und The Rest Is Noise, letzte Kapitel.
- Tim Rutherford-Johnson, Music After the Fall: Modern Composition and Culture since 1989. Der beste Überblick über die letzten 35 Jahre.
Brücke
Schließe den Kreis: Höre Gesualdos Moro, lasso (Etappe 2) und dann Sciarrinos Oper Luci mie traditrici (1998). Sie erzählt die Geschichte von Gesualdos Mord an seiner Frau und ihrem Liebhaber, in einer Musik aus Atem und Stille. 400 Jahre liegen dazwischen, aber beide machen Affekt zum Material.
Querschnitte: Vier Themen quer zur Chronologie
Manche Fragen lassen sich nicht einer Epoche zuordnen. Diese vier lohnen sich als eigene Mini-Reisen zwischen den Etappen.
1. Historische Aufführungspraxis
Die Bewegung ab den 1950ern (Harnoncourt, Leonhardt, später Gardiner, Jacobs, Christie) hat nicht nur alte Musik verändert, sondern das Hören von Beethoven bis Brahms. Die These: Instrumente, Stimmung, Besetzungsgröße und Artikulation der Entstehungszeit machen die Musik verständlicher.
- Übung: Höre Beethovens Siebte mit Carlos Kleiber (Wiener Philharmoniker, 1976) und mit Jordi Savall (Le Concert des Nations). Notiere, was jeweils gewinnt und was verloren geht.
- Lesen: Richard Taruskin, Text and Act. Die schärfste Kritik: Historische Aufführungspraxis sei in Wahrheit ein moderner Stil.
2. Stimmungen und Temperaturen
Gleichstufige Stimmung ist ein Kompromiss, keine Naturtatsache. Die reine große Terz (5:4) liegt knapp 14 Cent unter der gleichstufigen, die pythagoreische (81:64) rund 8 Cent darüber. Das Mittelalter hört pythagoreisch, die Renaissance mitteltönig, Bach vermutlich wohltemperiert, aber nicht gleichstufig.
- Übung: Vergleiche eine Cembalo-Aufnahme in mitteltöniger Stimmung (z. B. Byrd oder Frescobaldi) mit gleichstufigen Aufnahmen. Die Tonarten bekommen plötzlich Charakter.
- Weiter: Harry Partch (Genesis of a Music), La Monte Young (The Well-Tuned Piano), Georg Friedrich Haas. Hier wird Musik zur Frage von Frequenzverhältnissen.
- Lesen: Ross W. Duffin, How Equal Temperament Ruined Harmony (and Why You Should Care). Polemisch, kurz, mit Hörbeispielen.
3. Interpretationsvergleich als Methode
Für jemanden, der das Repertoire kennt, ist der Vergleich der ergiebigste Zugang. Die Partitur ist ein Programm, die Aufführung seine Ausführung.
- Übung: Nimm ein Werk und höre fünf Aufnahmen über 80 Jahre, z. B. Bachs Goldberg-Variationen: Landowska (1933), Gould (1955), Gould (1981), Hantaï (1992), Levit (2015). Achte auf Tempo der Aria, Wiederholungen, Verzierungen.
- Lesen: Alfred Brendel, Nachdenken über Musik; Nicholas Cook, Beyond the Score.
4. Live in Berlin
Viele Etappen lassen sich in Berlin live abschließen.
| Ort / Reihe | Wofür | Etappen |
|---|---|---|
| Philharmonie (Berliner Philharmoniker) | Großes Orchester, Mahler, Bruckner, Strauss | 10, 12 |
| Konzerthaus Berlin | Sinfonik und Kammermusik | 5–8 |
| Pierre Boulez Saal | Kammermusik, Lied, Neue Musik im ovalen Saal | 7, 8, 14, 16 |
| Staatsoper Unter den Linden, Deutsche Oper, Komische Oper | Oper von Monteverdi bis Gegenwart | 3, 9, 12, 18 |
| Akademie für Alte Musik, RIAS Kammerchor | Barock und Vokalmusik | 3–6 |
| Musikfest Berlin (Spätsommer), MaerzMusik, Ultraschall Berlin (Januar) | Neue Musik und Themenschwerpunkte | 16–18 |
Die Programme wechseln jede Saison; konkrete Termine stehen in den Saisonplänen der Häuser.
Bibliothek: Die zehn wichtigsten Bücher
Wer nur zehn Bücher aus der ganzen Reise liest, nimmt diese, in dieser Reihenfolge. Die restlichen Titel stehen in den Etappen.
| # | Buch | Etappen | Warum |
|---|---|---|---|
| 1 | Charles Rosen, Der klassische Stil | 6–7 | Zeigt, wie Form hörbar wird; verändert das Hören dauerhaft |
| 2 | Alex Ross, The Rest Is Noise | 12–18 | Das 20. Jahrhundert als Erzählung, glänzend geschrieben |
| 3 | Richard Taruskin, Oxford History of Western Music (College Edition) | alle | Das Rückgrat; streitbar und genau |
| 4 | Charles Rosen, Musik der Romantik | 8, 10 | Fortsetzung von Nr. 1, noch detaillierter |
| 5 | John Eliot Gardiner, Bach: Musik für die Himmelsburg | 5 | Bach aus der Praxis, mit viel Kontext |
| 6 | Ian Bostridge, Schuberts Winterreise | 8 | Ein Werk, 24 Lieder, eine ganze Kultur |
| 7 | Carl Dahlhaus, Die Musik des 19. Jahrhunderts | 8–12 | Deutsche Gegenstimme zu Taruskin |
| 8 | Theodor W. Adorno, Mahler. Eine musikalische Physiognomik | 12 | Adornos zugänglichster Text, Schlüssel zum Bruch |
| 9 | Paul Griffiths, Modern Music and After | 16–18 | Kompakter Überblick über die Nachkriegszeit |
| 10 | Morton Feldman, Give My Regards to Eighth Street | 17 | Der schönste Text eines Komponisten über das Komponieren |
Romane als Begleiter: Thomas Mann, Doktor Faustus (Etappen 7 und 14); Julian Barnes, Der Lärm der Zeit (Etappe 15); Richard Powers, Orfeo (Etappen 16–17, ein Komponist zwischen Avantgarde und Biotechnik).